… Ich der Jens, vor 39 Jahren in Recklinghausen geboren, habe ev. einen entscheidenen Vorteil: Ich bin bescheiden. 11 Jahre als Baumfäller – schwer in Arbeit- waren allerdings nicht wirklich alles für ein ausgefülltes Lebenswerk; 890 Euro Rente wenn ich fleißig bis 2043 einzahle, überzeugen da nicht unbedingt. Also nutze ich das Kapital was ich […]
… Ein ganzes Leben unterwegs … Seit dem Jahr 2011 bin ich unterwegs, genau 10.000 Kilometer zu Fuß durch Europa, Job gekündigt, Wohnung und alle Verträge entledigt, mit 30 Kilo Gepäck was ich in einem umgebauten Kinderwagen leicht über weite Strecken schieben konnte. Der Jakobsweg war es, erstmal 900 km von der französischen Grenze nahezu […]
So ein Riesenprojekt, so ein überwältigender Traum… Wie mag das aber gehen mit nur sehr wenig Geld in der Tasche ….? Ich habe es einmal ausgerechnet: Monatlich benötige ich nur zirka 300 €, um mich mit dem Nötigsten versorgen zu können. Manchmal ergibt sich für mich als gelernter Baumpfleger und Baumfäller die Gelegenheit, mein Können […]
… Bei Wladimir, dem Straßenmusikanten, im Sovjetskaya Viertel, fast in der Mitte gelegen nächtige ich heute noch in seiner gemütlichen, kleinen Wohnung auf der Matratze im Wohnzimmer.
Der heftige Duerregen zieht ab, tolles Abendlicht fällt auf die alten, hohen Wohnhäuser des Viertels, ich rolle den Wanderwagen über hohe Bordsteine durch die hochurbane, etwas abgewohnte Betonwelt älterer Bauart, durch eine Passage, die provisorisch mit Holzbalken abgestützt vor dem Einsturz bewahrt, mich in eine dieser typischen Hinterhofwelten bringt, in der so viele Petersburger wohnen.
Der freundliche Wladimir hat Zeit heute, ich konnte kommen wann ich wollte, stemme den Wanderwagen in den dritten Stock durch wieder einen Flur, der seit vielen, vielen Jahrzehnten nicht einen Handstreich Renovierung sah, durch diese rustikale Holztür plötzlich ins kleine Himmelreich.
Hier hab ich mein ganz eigenes Museum heute; uralte Holzmöbel, Musikinstumente und Puppen – fernab des Eremitagen Hexenkessels.
Der Wladimir ist ja auch einer wie ich, zieht mindestens das halbe Jahr über den Kontinent, meist in Deutschland, der Schweiz und im warmen Italien, spielt dort Musik, lässt seine Puppen tanzen.
Auch wenns heut alles viel schwerer geworden ist, weil überall die Rumänen gekommen sind, zwar immer die selben Lieder dudeln, aber dem alten Petersburger Original heftig Konkurrenz machen.
Jetzt aber ist er drinn in der Nummer, wohl für immer; „mein alter Beruf ist tot“ sagt der gelernte Kinotechniker im guten Deutsch.
Er spricht mehrere Sprachen, seine Tochter lebt zusammen mit seiner Freundin woanders, die Freundin ist junger als die eigene Tochter des 53 jährigen Lebenskünstlers, momentn gibts Zoff, und da tut der Rotwein den ich mitgebracht hat mal ganz gut.
Draußen prasselt wieder der Regen. Es ist ja so gemütlich jetzt an diesem letzten Petersburger Abend.
Und wieder mein obligatorisches Prost mit Rotwein, diesmal bei Wladimir mitten in Petersburg.Mmhhhh, gut futtern bei politischer Diskussion. So soll es sein.
Viel Geschichte um mich; so hat das Wurzelgemüse an der Wand schon vor über 50 Jahren mit seinem Marionetten Dasein das Puplikum erfreut, wacht heute mal über mein Schlafgemach, eine Matratze auf dem knarrenden Holzboden.
Uuufff, …. aufstehen… immernoch Regen Draußen…
Heute gehts früh weiter, Wladimir nach Cherepovets, 520 km fern zu einem Auftritt, ich 40 km nach Süden, raus aus der Stadt…. der Rotwein erschwert noch ganz schön die Knochen …
Uuaaaah, schon vorbei die kurze Nacht? ... Das Wanderleben ruft, die Straße ruft.... es geht weiter.
Und da laufe ich 2698 km bis vor die Tore dieser ersten Attraktion der Stadt; die gewaltige Eremitage, einst ein Palast der Zaren um sich „Eremiten“gemäß vom politischen Alltag zurück zu ziehen, sich Kunst und Muse hinzugeben.
Das mit dem Rückzug hat sich heute sehr geändert, wollte ich doch den letzten Tag hier nutzen um auch mal die Hallen des wohl größten Museums der Welt zu erleben, einfach nur durchgehen, Größe, Weite, Macht, kombiniert mit Feingeist menschlicher Hochkultur, Architektur.
Alles gewichen den wohl 80.000 Touristen die sich momentan in der Metropole aufhalten (davon offensichtlich 50% Chinesen) die alle gleichzeitig dem Sturzregen im Dauermodus, hier zu entkommen versuchen.
Abwarten in der Schlange bei glücklicherweise schwächelnden Niederschlag. Es fängt wieder an, die Tropfen prasseln schwer auf die gereizte Menge, Regenschirme so weit das Auge reicht, ich habe keinen, harre aus. Kein Unterstand.
Die Mengen schieben sich in einen unscheinbaren Eingang, die Geduld als wohl einziges was Eremitenniveau hier und jetzt bietet, soll sich lohnen.
Mitnichten; drinnen kocht die humane Masse wild in weiteren Schlangen vor den Kassen, es ist sehr laut und es wundert das eine solch dünne Luft überhaupt dermaßen den touristischen Schall zu transportieren vermag. Ich kann kaum atmen, die beklemmten Gedanken drehen sich um Flucht, ich wechsel die Menschenmenge zur anderen Kasse, wirres Durcheinander, Chinesische Reisegruppen stoßen plötzlich prioritär vom Ordnungspersonal kanalisiert, vorbei.
Ein Quergang hinter der Kassenbarierre verrät sich im lauten, ununterbrochenen Strom tratschender Massen….
Das wars, verschwinde flux zurück durch die nervöse Drehtür an die Luft….
Ich denke, dass ich nie mehr von diesen ganz großen Sehenswürdigkeiten berichten werde im Wanderleben. Ich muss endlich akzeptieren das kein Platz mehr ist auf diese Welt für jemanden wie mich an solchen Orten.
Wie soll ich auch sonst jemals diesen Feingeist, diese ohnehin anspruchsvolle Verortung menschlicher Hochkultur aufgreifen, reflektieren, wenn das alles nur noch untergeht im nahezu Tourist-industriellem Massenbetrieb.
Anderseits bleibe ich bei meinem Lob an die Offenheit, die Zugänglichkeit für Alle, allerdings mit der Konsequenz mich selbst dort zu verhindern.
Naja, versuchen kann mann es ja, gönne den Chinesen ihre Fotosafaris durch all die Hallen, bin weg, umgehe die großen Pfützen zwischen dutzenden, riesigen Reisebussen hinaus zum langen Nevsky Prospekt, 2 km zurück zum Shoppingcenter was wesentlich entspannter mit seinen wenigen Tausend Menschen rüberkommt.
Der Innenhof der Eremitage, mal kurz fast menschenleer.... ein seltener Moment.
Teuer wäre das Mega-Museum allerdings nicht geworden: 200 Rubel (2,80€) im schnell-Rundgang, weitere 8-10 € in all seinen Sektionen als sichere Tagesaktion.
Sei’s drumm, so nutze ich das Geld um meinem neuen Gastgeber Vladimir einen schönen Wein zu kredenzen wenn wir heut Abend zusammenkommen.
Lecker Essen gehnt hier bekanntlich auch recht günstig. Metropolen-unübliche 3,50€ vom Kantinen Buffet. Eine typisch russische Art sich hier zu sättigen.
… und ich dachte das die große Stadt erstmal Pause bedeutet. Von wegen, jetzt sitze ich (ja, ich sitze!) In einer Shoppingmall mitten im Zentrum der Großmetropole, und weiß garnicht zu sagen, was ich alles nicht gesehen habe hier; Rom, New York, Paris, – St. Petersburg; passt gut dazu im Club der Super-Metropolen touristischer Überforderung, Müdigkeit, Reizüberflutung.
Schon drei Tage hier, und immernoch nicht wirklich den Überblick von all der Substanz, ob historisch oder gegenwärtig; diese Stadt ist einfach umwerfend.
1350 Quadratkilometer groß, 5,250.000 Einwohner schwer, größer also als Berlin ist Russlands führende Kulturmetropole, als nördlicheste Millionenstadt (zusammen mit Stockholm/Schweden) momentan die „weißen Nächte“ feiernd, da um Mitternacht noch fernes Tageslicht am Himmel gleißt.
Angekommen, aber noch 22 km bis zum Stadtzentrum...
Alexander, ein echter Petersburger, nimmt mich auf, wir telefonieren schon vorher und er wollte mich unbedingt abholen vom Stadtrand. Warum sollte ich den auch durch all die langweiligen Vororte spazieren, dachte er.
Aber ich lasse mir die Zeit, bleibe bei unserem Plan morgen zu treffen, schlage das Zelt im feuchten Dickicht einer urbanem Brache auf, einer der wilden Flächen mit Buschland zwischen der endlosen Einzelhausverbauung im Vor-St.Petersburg.
Regen prasselt nun wild aufs Zelt, Mücken greifen wieder wild an, doch diese eine Nacht will ich noch hier draußen verbringen, nehme mir die Zeit und wandere morgen in die gewaltige Stadt, will es mit ihrer Größe aufnehmen ….
St. Petersburg mal ganz anders: Im Hotel Wanderleben, gut geschützt vor Regenfall, Ameisen und Mücken, versteckt im städtischen Busch.
Unglaublich, wie in Berlin… da läuft man echt stundenlang durch städtisches Einerlei, es nimmt kein Ende. Alexander wird allerdings unruhig, ruft schon zum dritten mal an und ich gib auf, lasse mich dann nun abholen….
Einige Kilometer fahren wir zu seiner Wohnung, sieben Kilometer nördlich der Innenstadt, die schon selbst in Ausdehnung einer Großstadt das Fürchten lehrt; nur drei Tage Zeit für den Giganten?
Jaja, erzähle ich dem Journalisten Alexander, dem ich schon vor Längerem auf Couchsurfing.com anschrieb, hier eben nur im „Vorbeigang“ zu versuchen die Stadt zu begreifen.
Also mal sehen was kommt, mal sehen wie kompetent mein Anspruch auf den Ort dem seinen gerecht wird ….
Wetterumschwung: Nach Wochen reinen Sonnenscheins, will der Juni nun garnicht mitspielen. Noch weit vom Zentrum entfernt wirkt St. Petersburg schon sehr großstädtisch.
Die Peterstadt: Gastfreundlich, irgendwie noch ursprünglich, zumindest weniger super-touristisch als andere Städte dieser Liga, überrascht mich die Stadt mit vielen Einladungen zum Übernachten, sowie Interesse an’s Wanderleben, bekomme täglich Anfragen & Einladungen bei Couchsurfing.com …. jaaa, das tut echt gut.
…… Anderseits aber kann ich nicht allen zusagen, antworte „sorry, but i,m full“ – womit auch immer, Sozialleben, Eindrücke, Bier und Rotwein mit Alex.
Diesem widme ich natürlich gern die knappe Zeit, erzähle ihm all meine Pläne, diskutiere mit einem Einheimischen den „Camino Russa“,den Russischen Weg quer durchs Riesenland, finde somit einen Kenner seiner Heimat.
Mit Gastgeber Alex auf der Datscha, russisch gut, lecker und sehr informativ ein wunderbarer Abend, 52 km außerhalb der Metropole.
Wieder darf ich den vollen Umfang einer Russischen Seele erleben, fahre mit Alex zum Abend auf die Datscha, wo schon seine Frau wartet (und über Tage dort wohnt).
Raus, raus aus der Stadt in diese Siedlung aus Holzhäuser, jedes ein wahres Unikat, ob als abenteuerlich zusammengezimmerte Marke Eigenbau, oder als Fertighaus, stehen die „Datschen“ recht dicht beieinander, jede mit ihren Garten und nicht selten eine „Banja“ drinn, die obligatorische, hölzerne Sauna.
Hatten wir nicht mehr geschafft um 23 Uhr, die Weinseligkeit trieb mich ins Gästezimmer, ein voller Tag musste erstmal verpackt werden.
Arme Füße, von wegen Außzeit. Jetzt erst richtig: Die Stadt so weitläufig sie ist, um so unmöglicher die körperliche Erholung. Oder doch?
Warum sollich eigentlich jetzt einen auf China-Touri machen, von einer Nummer zur nächsten hetzen?
Mann erwischt sich beim Gedanken des Sightseeing-Größenwahns, und erwischt sich anderseits einer sträflichen Gelassenheit einfach mal garnichts zu tun.
Also mal wieder der goldene Weg der Mitte; sitze stundenlang in Nachbarschaft von Erimitage, oder Peter-Paul Kathedrale und tue nichts, surfe im Internet bei Cappuccino (für 1,80€) und scype mit Mama und Georg, der ebenfalls auf dem Jakobsweg fernwandert (dazu später mehr)
Erkläre meinem Gastgeber, zu seinem Entsetzen, am Abend, lediglich hier und da mal gewesen zu sein, meistens aber auf Parkbänke, Bordsteine und weichen Ledersofas in High Tech Shopping Malls gesessen zu haben.
Die Beine & Füße können einfach nicht mehr.
Da bin ich nun, vor der einzigen Kirche in alter, traditionell russischer Bauart, da es lange Zeit verboten war die bewährten Zwiebeltürme in der Stadt zu errichten. Heute rühmt sich die Auferstehungs Kirche im Zentrum der Stadt, das führende Postkartenmotiv zu sein, als offensichtliche Nachempfindung des Moskauer Kremls.Auch wenn die Latschen weh tun, der Weg zur Peter & Paulkathedrale ist ein Muss, weil hier als Burgfestung mit Kirche einst Peter der Große, vor genau 313 Jahren die Keimzelle der Stadt schaffte.So hatte alles nach 1703 angefangen: Eine Hafenfestung mit dem Schutzheiligen Apostel Petrus gewidmete Kirche, dem die Stadt dem Namen verdankt; sozusagen den Doppelpeter; Der heilige Petrus im Himmel, gehuldigt von Zar Peter dem Großen. Gleich zwei Fliegen mit einer Klappe also..
Jetzt an diesem Dienstag, schlurfe ich wieder durch die weiten der Boulevards, vor allem längs des prächtigen Nevsky Prospekt, der wohl berühmtesten Meile hier. Versuche die Stadt weiterhin zu begreifen, überlege hin und her ob ich Freund Georg mit einer Tour durch die weltberühmte Erimitage danke, weil er mir einen „Kulturetat“ spendete, eben um genau sowas auch bezahlen zu können.
Den weiß ich lieber in Essen und Trinken zu investieren, wenn ich nur an die Weiten denke die mich wieder um die körperliche Erholung bringen würde, ferner an die Hülle und Fülle (im wahrsten Wortsinn) des offenbar größten Museums der Welt (wie mir Alex zu berichten wusste) … ein ganzer Tag muss schon sein dafür. Oder doch wie Georg sagte, – einfach nur durchgehen, mitschwimmen, erleben wo Du bist – ….. schwere, schwere Zeiten im Wanderleben ….
Bilder, Farben, Fassaden, Menschen, Russland, St. Petersburg …. manchmal sagen Bilder mehr als 10.000 Worte:
Erst über 300 Jahre alt, einst als Gegengewicht zum damals ungeliebten Moskau von der frischen Romanov-Dynastie gegründet, schoss St. Petersburg sprichwörtlich übers Ziel hinaus, wuchs über die in einsamen Sumpfland gelegene Küstenfestung als Stadt weiter, die erstmal als neuer Hafen einen Zugang zum Meer verschaffen sollte.
Russland war dieserzeit im völligen Umbau begriffen, und sein neuer Zar, Peter der Große, lernte heimlich in England und Holland die Kunst des Schiffbaus, ließ sich begeistern von den Mächten des Westens mit all ihren neuen Kolonien, dank der Seefahrt.
Das alte Moskau musste erleben wie eine völlig neue Hauptstadt erblühte, – altrussische Zwiebeltürme waren verpönt, west-klassizistische sowie Barocke Architektur prägt bis heute noch einen der wohl weltgrößen, späthistorischen Stadtkerne, dem selbst der Größenwahn kommunistischer Beton-Gigantonomie der ursprünglichen Identität nicht schadet.
Also: Nicht Zar-Petersburg, sonder Sankt Petersburg, hatte ich vorher auch nicht gewusst, soll eben an den Apostel Petrus erinnern.
Der Blick über den Neva Fluss, der vom größten See Europas (Ladoga See) wie ein Kanal zur Ostsee entwässert. Einst Sumpfland, heute die viertgrößte Stadt Europas.
Und hätte Zar Peter Anfangs noch selbst nicht gedacht, die Hafenfestung einst zur solcher Größe zu verhelfen, konnten auch viel später die Nazis gottseidank nicht ihre Pläne zur vollvernichtung „Leningrads“ durchsetzen: 500.000 Menschen starben bei der Besetzung der Stadt 1944. Weitere drei Millionen sollten „laut Plan“ folgen.
Die Wehrmacht scheiterte, und Leningrad wurde 1991 (nach 92 Jahren) wieder St. Petersburg, ist heute größer als je zuvor, wenn auch schon seit fast hundert Jahren nicht mehr Haupstadt, mit 5,2 Mio Menschen zweitgrößte Stadt Russlands.
Und es geht noch weiter: Am Rande der Metropole wachsen sie, Hochhäuser dicht an dicht, Wohnraum für offenbar 200.000 neue Bewohner, und mehr.
Wärend die großflächig denkmalgeschützte Innenstadt frei von dominanten Wolkenkratzern ist, darf weiter Draußen eifrig hochgestapelt werden; mit 462 Metern wächst momentan der spitze Glasturm von GazProm in den Himmel, weit Abseits vom Postkartenidyll, Europas höchster Wolkenkratzer.
Wieder wächst die Stadt; St Petersburg kratzt in 15 Jahren an die sechs Millionen.
Und das ist sie, die saubere, sichere, ja so gut funktionierende Stadt. Kein Bettler, kein Besoffener, kein Schnorrer hat mich je auf all den Streifzügen angebettelt hier.
Als alter Berlinkenner ein krasser Vergleich: In Berlin ist es deutlich schlimmer, dort sah ich noch letzten Winter ständig irgendwelche Bettler. Wurde oft angeschnorrt dort.
Nicht aber hier im ach so gefährlichen Russland….
Gibt zu denken; ob es an den vielen Uniformierten liegt, die permanent überall zu sehen sind, bedrohlich gucken und niemals lächeln?
Noch einen Tag bleibe ich hier bevor es wieder weiter geht, treffe morgen Vladimir, den Straßenmusikanten der mir für eine Nacht Obdach gewährt.
Pilger Georg gehts wieder deutlich besser nach seinen Eskapaden mit den Füßen. Typisch Camino, typisch Jakobsweg, es tut eben überall weh, mehr und mehr…. doch irgendwann läuft es sich wieder weiter…. und ist überstanden.
Hinter Langres, mittlerweile tief im französischen Nirgendwo, läuft er dem Westen entgegen…. bei Wind und Wetter.
… in fünf Tagen. Ist gut zu schaffen, da überraschenderweise der „Highway“ – wie ihn die Leute hier nennen, echt gut ausgebaut ist, sehr breit diese Straße, natürlich total voller Schwerlast, oft noch in alter, russischer Bauart krachend an mir vorbei scheppernd, genieße ich aber den Krach mal, weil bei der Hitze (30 Grad!) die Brummis ordentlich (Fahrt)Wind machen, pusten zudem jeden Moskito hinweg, der mir zu folgen versucht.
141 Kilometer entlang des "Highway" nach St. Petersburg, und ich habe Platz genug, der Seitenstreifen hier ist großzügiger als auf fast jeder Straße Westeuropas.
Ich begreife eigentlich immernoch nicht wo ich bin; Russland, dieser Kontinent, ja diese Welt liegt nun vor mir. Welch Ausmaße das sind, will ich eigentlich garnicht erzählen, sonst galub ich schon selbst nicht daran, dieses Land mit den bloßen Füßen mal zu bezwingen.
Fast so groß wie der Kontinente Europa und Australien zusammen, oder 48 mal Deutschland, …. 380 mal Estland, 6840 mal Luxemburg …. ist diese Landmasse, unterteilt in 84 Einheiten, meist „Oblaste“ genannt, oder „Krai“, viele Republiken eigenständiger Kulturen, die sonst in der Welt keiner kennt.
Oder hat jemand von euch schon was von Baschkortostan gehört? Karbadino Balkarien, oder die Republik Mordwinien?
Größer geht nimmer: Russland, wie ein eigener Kontinent.
Mein Weg soll einige tausend Kilometer später auch durch „Utmurtien“ verlaufen, bis nach „Tatarstan“ wo die (muslimischen)Tataren leben, setzt sich fort durch die Republik „Burjatien“ (mal so flächengroß wie Deutschland, aber nur mit einer Mio. Einwohner) – Transbaikalien, eine jüdische Oblast usw….
Jetzt bin ich in der Oblast Leningradskaja. Genau, da wo das alte Leningrad der Kommunisten lag, was heute wieder St. Petersburg heißt.
Ein Land - viele Länder: Zuerst durchwandere ich die "Leningradskaya Oblast" - allein schon so groß wie Österreich mit 83.000 Quadratkilometern, und 7 Mio Einwohnern die zweit bevölkerungsreichste Region im Riesenland; weil die Großmetropole St. Petersburg hier liegt.
Allein Europa: Wer weiß das Russland ganze 40% unseres Kontinents bedeckt? 40% der europäischen Landmasse sind Russisch, wie also könnte man sich ein Europa ohne Russland vorstellen?
Die gegenwärtige Politik des Westens scheint wohl weder in geographischer als auch in kultureller Hinsicht, sich dessen bewusst zu sein; Europa braucht Russland, Russland braucht Europa.
Beide sind jeweils ein Teil des anderen….
146.111.000 Menschen leben in diesem Riesenreich; Russland ist flächenmäßig das (bei weitem) größte Land der Welt, von seiner Bevölkerung jedoch nur die Nummer neun.
Auf einer dermaßen überbevölkerten Welt ist die Konkurrenz groß; China z.B. hat fast zehn mal mehr
Bewohner als Russland, oder nehmen wir Bangladesch, was der Fläche nach 114 mal in Russland Platz fände, aber mit 172 Mio Leuten, demografisch sehr viel größer ist.
Komische Welt.
Wirtschaftlich steht das Riesenreich eher im Mittelfeld, bei fast 2 Billionen Dollar BIP. (Wirtschaftsleistung) etwa gleichauf um den achten Platz ringend mit Indien, und dürfte wohl verlieren: Momentan durchlebt Russland (wieder mal) eine Kriese, erst der Ölpreisverfall, dann das Europa-Embargo (Krim-Ukraine Kriese) und der Rubel – Russlands berüchtigte Währung, nährt sich mit 1 € – zu 73,5 nahezu dem Ramsch-Niveau.
Gut für mich, (mag ich anderseits auch ungern sagen) weil meine paar Euro jetzt richtig Wert im Umtausch haben.
Das merkte ich die Tage auch auf den ersten 60 Kilometern: Mit 1050 Rubel konnte ich den alltäglichen Warenkorb mühelos bestreiten; einkaufen im Markt, wo die Tagesration (Wurst, Käse, Brot, Birnen, Schockolade, Bier, Zahnpasta) mit 620 Rubel (8,40€) viel günstiger zu Buche schlägt, als noch in Estland.
Reich gedeckt, der Tisch in der Villa Wanderleben. Russische Supermärkte finden sich in jedem Dorf, und eine Tagesration kostet (umgerechnet) keine 10 Euro.
Ein Espresso an der Tankstelle für 90 Cent, mal so billig wie in Italien (wenn auch nicht ganz so lecker wie im Original)
Und ein komplettes Essen in einer der Straßenlokale für die Trucker, für sagenhafte 1,80€ einen Teller Warmes.
Gutes Leben in Russland: Alle 10 Kilometer gibts Leckeres für wenig Geld. Dafür kommt dank der Sprachbarierre jede Bestellung einem Abenteuer gleich .... was hieß denn nochmal Frikadelle auf Russisch ???
Bei aller Freude, die Sprachbarriere allerdings fordert maximale Diplomatie; allein im Speiselokal an der Straße enwickelt sich die ersehnte Pause zum wahren Abenteuer: Nur mit Mühe gelingt überhaupt eine Verständigung, die auch unter Mithilfe der anderen Gäste, der LKW Fahrer, die äußerlich auch als Profi-Wrestler durchgehen würden, zu verdanken ist; schon als was Besonderes ziehe ich, der offenkundig westliche Ausländer die Aufmerksamkeit auf mich.
Hier und da ertönt etwa „Fikadell“ oder „Wuurscht“ – was die rauen Gesellen eben so wissen…. und übersetzen ihre Ideen zur meiner Bestellung.
Am Ende kommt dabei eine Bulette mit Kartoffelpüree raus.
Es ist heiß in Russland, nicht nur politisch, auch auf der Straße: 30 Grad und permanent Sonne braten mir die ohnehin gegärbte Haut.
Zuerst schaffte ich die 22 Kilometer nach Kingissepp, der nächsten Stadt hinter der Grenze, durchquerte den recht großen Ort, fand sogar eine englische Bar wo ich zumindest die ersten Russlanderfahrungen hier posten konnte, sowie auf Facebook.
Victor Kingisepp verdankt die 46.000 Einwohnerstadt ihren aktuellen Namen, einem estnischen Revolutionär alter Tage, auch wenn die Leute ihren Ort lieber "Yamburg" nennen, so wie ganz früher die russischen Stadtgründer es nannten. ... Kenne ich doch irgendwo her ? ...
Dann weitere vier Kilometer schlug ich mich in den Busch, wieder verfolgt von Trillionen Mücken, was mich wieder zwang total eingepackt (zwei Pullover, Hose lang, Kapuze auf, Handschuhe an) das Zelt im Dickicht aufzuschlagen.
Nassgeschwitzt fletze ich nackt anschließend im sicheren Zelt, versuche mich mit Mineralwasser aus der Pulle und dem Lappen wenigstens etwas zu waschen.
Moskitohölle, aber einmal im Zelt, Reisverschluss zu, ist alles wieder ganz "Feierabend".
Der nächste Tag war zwar monoton, aber schwelgte doch so in meiner Russlandeuphorie, dass 37 Kilometer am Ende des Tages dabei rauskamen.
Einige zerlotterte Dörfer durchquerte ich, immer längs dieser dröhnen Straße, die aber so wunderbar breit einfach wanderfreundlich Platz bietet.
Russland ist groß, und ich hoffe so sehr, dass seine Straßen weiterhin so großzügig ausfallen.
In den Dörfern leben die Leute oft sehr bescheiden. Viele Häuser wurden einfach selbst zusammen gezimmert.
Die zweite Nacht war deutlich besser: Beim Dorf Chirkovitsy nehme ich mir wieder das Land was mir gefällt, ziehe 500-600 Meter abseits der Straße über einen Pfad bis zum Ende des weiten Feldes.
Blumen, Wiese und ja (!) keine Mücken hier draußen in der Weite.
Offenbar scheuen die Plageviecher das offene Land, den milden Wind hier über den kilometer großen Wiesen.
Mein Russland, allein mein ....
Endlich bleibt das Zelt offen, der Tisch ist reich gedeckt in der Villa Wanderleben, ich schmause und labe mich in den siebten Himmel …. ein wahrlich gerechter Lohn nach all den Kilometern ….
Ich nehme mir das Land was ich brauche. Weite Wiesen überall, ein neuer Tag, zurück zur Straße, auf in die Weite ....
Wer schenkt mir Kilometer?
Russland hat wahrlich genug davon; 50 Cent pro Kilometer und das Land soll zeigen was Weite heißt…
Der Rubel ist zwar billig, aber mit aktuell 320€ im Wanderleben-Etat, immernoch zu wenig bis Kazan, dem großen Zwischenziel… das Abenteuer muss weitergehen …
Größe scheint ja relativ; gegen China wäre Russland ein Zwerg, ginge es um die Anzahl der Menschen, wieder ein Riese wenn es z.B um Bürokratie geht, sprich Grenzübergänge…..
Eine Angstschwelle, diese Grenze.
Hab ich alles richtig im Visum? Was ist mit all den Geschichten, Bargeldnachweis, Auslands Krankenversicherung, und, und…
Und dann, war ich einfach drüben; keine Kontrolle des klobigen Wanderwagens, keine Drogen-Spührhunde, kein garnichts, sondern eine recht schrabbelige Grenzstation die auch irgendwo zwischen Zimbabwe und Mosambik sein könnte; ein Durchgang, etwas abgenutzt und klein, viel Durchlauf und löcheriger Asphalt dahinter: Russland liegt vor mir. Ich glaub es nicht ……..
Ivangorod, die Grenzstadt gegenüber wirkt dann schon recht abgewohnt, alles kommt getreu dem Klischee alter Osteuropäischer Patina rüber, die Läden wie Rumpelkammern, trübe Fenster, etwas Neonwerbung, diese Schrift hier, oh mann muss jetzt alles lernen. „С.-Петербург“ – muss ich mir merken, heißt „St. Petersburg“. Also immer in diese Richtung….
Ivangorod (9.000 Einwohner) gleich hinter der Grenze, meine erste Stadt im Riesenreich.... angekommen in RUUUUUUSSLAND.
Jaja, die russsiche (kyrillische) Tastatur hab ich auch schon instaliert, überlebenswichtig als Berufsblogger im Dienste der Deutsch – Russischen Freundschaft, ja und die Sprache? Lerne ich mit Links…. ungläubig guck
Selbstverständlich ist sofort mal wieder ein Einkauf angesagt, mein schwedischer Begleiter von gestern aus dem College, ist bei mir, der hat ein Dauervisum als Anwohner von Narva und hilft bei den ersten Gehversuchen in der neuen Welt aus, regelt das mit der russischen Telefonkarte, damit Mama und Freund Georg mich erreichen können.
Nichts geht hier ohne ausufernde Bürokratie: Selbst der Kauf einer billigen Handykarte (ohne Vertrag) gleicht einem Staatsakt, mein Passport sowie ein ganzes Formular müssen hoch und runter gearbeitet werden.
618 Rubel zahle ich im Kaufmarkt für eine Tagesration Futter, (ca 8 €) was etwas billiger ist als noch in Estland. Rubel rollen schon in meiner Geldbörse; für den Euro gibts 73,5 Rubel, ein Reckordtiefstwert geschuldet der Kriese die Russland aufgrund des brach liegenden Ölpreises, sowie dem Europa-Embargo wegen dem Ukrainetheater zu verkraften hat.
Jetzt geht das rechnen wieder los, viel Papier, viele, viele Nullen.
Ja, und viele, viele Kilometer natürlich auch: in den knapp drei Monaten Visalaufzeit plane ich 1822 Kilometer zu schaffen, bis zur Volga-Metropole Kazan, weit hinter Moskau, von der ich dann mit dem Flieger zurück nach Hause komme, zum „Visa-Run“ auf ein neues…. kehre danach hoffentlich mit dem begehrten Jahresvisum zurück.
Schon das Etappenziel im Visier: Die Metropole St. Petersburg will ich in fünf Tagen erreichen.
St Petersburg 115 km…. schön wär’s, 10 km später lese ich aufeinmal „138 km“ … naja, irgendwann werde ich schon ankommen …
Immernoch einen Tag warten.
Morgen läuft das Visum und heute, den Dienstag verbringe ich noch in Narva. (55.000 Einwohner, – 95% davon russisch) Auch schön, kann den Ort mal ausführlich erkunden was auch nicht lang auf sich warten lässt; einige Leute sprechen mich an im „Wohnzimmer Cafe Muna“ wo ich gern die Zeit verklüngel, diskutiere mit einem nach dem anderen.
Das futuristische Cafe Muna im Top-modernen Neubau des Narva Colleges soll für zwei Tage mein "Wohnzimmer" in der Stadt werden.
Final beansprucht mich der Schwede Einar, ein „Theosoph“ welcher auch Deutsch kann, kriegt sich garnicht mehr ein in Fragen über Fragen des Wanderlebens.
Interessant: Er kennt Russland sehr gut, spricht die Sprache, wir verbringen einige Zeit mit Landkarten und Essen miteinander, und verabreden und für morgen an der Grenze: Einar kommt mit rüber, hilft mir bei kniffeligen Fragen durch das Grenzprozedere im gepflegten Russisch. (Er arbeitet hier am College, hat ein Dauervisum für Russland)
345 Jahre steht es, das alte Rathaus von Narva, daneben das modernistische College als gelungener Neubau.
Die zwei Nächte hier verbringe ich im Zelt, immer am Stadtrand wo die Wildnis jegliche Menschen fernhält. Das geht recht schnell, kaum ein paar Meter hohes Gras, ein paar Büsche und schon wagt sich niemand der allergieängstlichen Städter ins Dickicht, voller Insekten, Fliegen, Mücken und Spinnen…
Kein Ding für mich, stürze mich nahezu in die Botanik mit Fernblick auf die Plattenbauten und bin wieder ganz in der geliebten Natur.
Natur gut alles gut; aber nur solange die Moskitos nicht zu viel werden; ein bischen Ausblick reicht, und die Mücken haben keine Chance...
Einmal an der Mauer, einmal am Sandhügel abseits der Stadt finde ich mein Nachtquartier. Fantastisch schlafen bei lichtem Nachthimmel des hohen Nordens sind da garantiert.
Zum Frühstück fröhne ich (noch) den glorreichen Westen bei Mc Donalds, gegen Vormittag schaue ich an der Festung von Narva vorbei, aus dem finsteren Mittelalter einst, heute frei zugänglich, gegenüber der russischen Burg, erbaut von Zar Ivan III, der Russland vor 650 Jahren erstmal vereinte.
Good bye Estland: 493 Kilometer bin ich nun in diesen kleinen Land gegangen.
Ivangorod (9.000 Einwohner) will mich erstmal nicht reinlassen; erst am Mittwoch gilt das Visum! Keinen Tag früher.
Ich konnte mich kaum halten, musste schonmal gucken gehen an der Grenze, suchte den Fußweg hinüber um nur mal zu schauen…
Super-unfreundlich, – wie erwartet, giftet mich die Olga am Passschalter auf estnischer Seite an, kein Englisch zu sprechen.
Die Haare stehen wie nach einem Elektroschok, merke ich und fliehe aus den Katakomben zurück, finde dann ganz nebenan in der Touristeninfo was ich wissen wollte.
Kein Essen und Trinken dürfen hinüber: Europa – Russland Embargo.
Rubel sollte ich schon hier besorgen, irgendwas gibt’s immer zu bezahlen beim Übergang.
Ich sollte keine Sprüche klopfen!
So, weiter gehts in Narva.
Neben dem eher ruhigen und überschaubaren Grenzkomplex blicke ich abseits davon auf den Narvafluss der wie ein Kanal den Peipussee entwässernd, zur Ostsee schwappt.
Narva ist (heute) estnisch, und mit 55.000 – zu 95% russische – Einwohner, die drittgrößte Stadt Estlands, hat eine alte Burgfestung ganz wie Ivangorod auf der anderen Seite in Russland.
Von Narva gucke ich nahezu hinunter auf die Grenzbrücke ins Zarenreich (heute ja fast wieder..) und staune über ein tolles Panorama.
Der Blick hinüber ins ersehnte Riesenreich auf meine erste Stadt dort: Ivangorod, mit alter Festung und der hoch gesicherten Grenzbrücke. Schon bald rollt der Wanderwagen dort auch hinüber .....
Cappuccino, und noch einen bitte…. in Narva muss ich jetzt wieder ein „Wohnzimmer“ finden, für Internet und Gemütlichkeit drinnen. Schließlich laufe ich zum Abend wieder aus der Stadt hinaus um in der Wildnis zu zelten. Die Herbergen hier kosten mit 15€ im Mehrbettzimmer einfach zu viel.
Pro Tag gebe ich 15€ aus, nahezu auschließlich zum leiblichen Wohl; der Kaffee (in den Wohnzimmern) und Bier (vom Kaufladen) sind da der einzige Luxus.
Mein Wohnzimmer, diesmal das Cafe Muna (Kohvik Muna) am alten Rathaus von Narva. Hier verbringe ich viel Zeit, bin einfach mal gern "drinnen" - zu chilliger Trans-house Musik.
Freund Georg gehts drüben auf dem Jakobsweg auch wieder deutlich besser: Er macht & tut an seinen maltretierten Füßen alles mögliche, und vor allem, er pausiert, läuft nicht einfach weiter…. bis morgen weilt er noch eine weitere Nacht in Toul (Frankreich … bei viel Regen)
Ich sende ihm mal Sonne, davon haben wir in Estland momentan genug …
Wo?
Ja in Sillamäe, wer kennt es nicht?
Wohl 99% der Weltbevölkerung, wie so viele 15.000 Einwohner-Städte irgendwo in abelegenen Ecken mittelmäßig bekannter Länder.
Immernoch ESTLAND, immernoch kein erster Juni (Visabeginn für Russland), immernoch nicht fertig die nun jetzt 493 Kilometer im kleinen Baltenland.
Ja, 493 sind es nun doch geworden, erst 410, dann so 450 und nun wieder etwas mehr, wegen des Schlenkers zum Peipussee… liegt alles an diesem 01.06.
Grenzübertritt –
Noch 18 km bis zum Tagesziel, und 183 km bis Peterburi .... na, das klingt aber immernoch estnisch, aber nicht mehr lange .... in vier Tagen bin ich "drüben".
Doch erst einmal nach Sillamäe zu Margarita Morozova, die mich über Couchsurfing einlud; erstmal in diese komische Stadt, eine typisch sowjetische Planstadt vom alten Reißbrett, in Stalinbarock wie man hier ironisch sagt.
Ganz anders hier alles: Gerade Straßen, ein Wohnbunker nach dem anderen, aber eben etwas schnörkeliger das Ganze. 1949 wurde hier noch klassizistisch gebaut, also (etwas) in Anlehnung antiker Bauästhetik, so bis 1958, ganze Straßenzüge im pompösen Stil einer herrschenden Arbeiterklasse.
Industrie war (und ist) am aufgeblähten Hafenkomplex drüben an der Ostsee ausgebreitet, endlose Betongeschichten vom Metallhütte bis Energiekraftwerk sind die ersten Eindücke beim Einmarsch in den Ort.
Typisches "Stalin-Barock Viertel" in Sillamäe, im rechten Block wohne ich bei Margarita und Sascha.
Auch wenn Sillamäe sich so estländisch anhört, ist es fast komplett russisch. Hier ganz im Osten des kleinen Landes ballt sich die postsowjetische Minderheit, ganz nah der alten Ur-Heimat, aus jener die Russen nach 1945 ins „neue Gebiet“ dem okkupierten Baltikum, einwanderten oder gar umgesiedelt wurden.
Mein erstes russisches Gasterlebnis; die 56 jährige Margerita kann nur wenig English, aber egal, der Google Übersetzer kommt gekonnt zum Einsatz, und auch Alt-Akademiker Sascha versteht noch ein wenig.
Beide haben im alten Reich sudiert, die ruppige Margerita sogar was im Astro Bereich, irgendwas koordinations technisches als Bodenpersonal.
Jetzt schult sie um, und ergänzt ihre Freizeit z.B. damit Gäste aus aller Welt zu empfangen, bin schon der dritte Deutsche im Haus, sowie Russen und ein Malaisier (der natürlich sofort kochen wollte) waren da.
Was machen russische Gastgeber so?
Erstmal essen, dann ab auf die Datscha …
Lecker Essen in der kleinen Küche mit Sascha. Wenig Englisch, ich kann (noch) kein Russisch. Alles egal, es geht auch so.Im Schrebergarten lerne ich noch mehr über die russische Seele: Auf der Datscha lebt man gern übers ganze Wochenende. Auch wenn dort eigentlich immer nur Arbeit ist ...Auch für den Gast gibt's zu tun: Die Apfelbäume brauchen einen Schnitt. Perfekt um mich für die Gastlichkeit erkenntlich zu zeigen.
Wirklich alles ist hier Handarbeit, jeder Zentimeter irgendwie geflickschustert und sonst wie gezimmert, verdrahtet und gerödelt am und in der Datscha, Sascha werkelt nun seit Jahren daran herum, ist soweit schon fast fertig, aber wirklich fertig?
Darf eine Datscha eigentlich nie werden.
Was sollte man denn sonst noch tun hier, wenn alles einfach fertig ist?
Ich kassiere noch ein paar Zwiebeln aus dem Garten für meine Wanderschaft, ein dickes Glas Tomatensaft auch noch (hatte ich letztens bei Ryan Air so vermisst …).
Ich verbringe den Abend Zuhause mit Margerita, Sascha blieb auf der Datscha (sowas machen russische Ehemänner sehr gern, vor allem um mehr und ungestörter trinken zu können, wobei in diesem Fall, Sascha ausnahmsweise mal kein Trinker ist) und ich hatte nur noch wenig Power lange in die Nacht zu wachen; scype mit Mama und Freund Georg (dazu mehr am Textende) erzähle der weitgereisten Russin Margerita meine Pläne, erfahre von ihrer neuen Freude am malen.
Margerita ist vom Kern eine wunderbar gütige, mütterliche Natur mit viel Verstand und einer selten objektiven Gabe die Dinge zu verstehen; in ihren Bildern spiegelt sich wohl der komplexe Geist ihres vielschichtigen Wesens wieder, was mich schon sehr beeindruckt hat.
Sie malt erst seit kurzem, und erfreue ihr Gemüt mit der erfrischenden Idee, ihre Werke doch zu verkaufen … um so freudiger wäre es, wenn ausgerechnet jemand aus meiner lieben Leserschaft eines ihrer Bilder erwirbt. Teuer sind sie nicht, aber dafür sehr authentisch.
Margerita wäre erstmal über mich zu erreichen, (am besten über mein Facebook) – einfach melden und ich vermittel euch. Ist noch alles neu für sie..
Noch sehe ich das Meer, hier am „Finnischen Meerbusen“, eine lange Bucht die bis St. Petersburg geht, und von dort ich dann satte 12.000 Kilometer (!) dann keine Meeresbriese mehr schnuppern kann, die wohl weiteste und längste Überlandtour meines Lebens (und auch weltweit mögliche) steht dann bevor; einmal quer durch Russland bis rüber, ganz hinten zum Pazifik.
"Tief im Westen" hier an der östlichen Ostsee, werde ich wohl noch lange denken in Zukunft, wenn's schier endlos in die Weiten Russlands, ja Nordasiens geht .... (Kieselstrand bei Sillamäe)
Es ist fast 19 Uhr jetzt, wieder total warm und sonnig, bin nur 21 km gewandert bis zur eigentlich stinklangweiligen Waldsiedlung Narva Joesuu, ein Zweit/Dritthaus – Ferienhaus Ort, der sich ewig langzieht und direkt vor Russland endet. 100 Meter über die Narva, dem Grenzfluss gucke ich auf das ersehnte Riesenreich; völlige Wildnis drüben, kein Haus, kein Garnichts, nur Schilf und Wald ….
Ich trinke Margeritas Tomatensaft und träume vom akkorat gemähten, estnischen Rasen aus hinüber in die Pampa… mein Gott, was ich mich auf dieses Land freue …
Da drüben ist Russland, hier überall Leben, dort nur Wildnis, .... und natürlich Millitär.
Morgen noch schlappe neun Kilometer bis zur finalen Grenstadt Narva, wo ich noch eine Nacht bleibe. Das Zelt steht bereits wieder im Grünen, wie immer etwas Abseits der Straße, 9 km vor Narva. Georg ruft wie immer aufs Handy an, und höre diesmal nichts Gutes vom Jakobsweg: Die Füße machen ihm sehr zu schaffen, ganz gegen der Erwartung dass eigentlich sein komplexes Rückenleiden auf dem Plan käme, mitnichten, und gottseidank, der Rücken kann entzücken, tut ihm fast garnicht mehr weh. Aber wieder muss er einen Tag aussetzen, muss die wunden Treter einfach ruhen lassen. Er ist jetzt in Toul angekommen (Lorraine, Frankreich) und muss wohl (wieder) einen Ruhetag im Hotel einlegen.
Eine schwere Probe im Fernwander-Leben.
Ich bin bei ihm, sende ihm Meilen die mir vergönnt …
Welch Wohltat: Ein Tag mal ohne Sonne, nur wolkig, mal ein Platzregen, aber immer schön warm.
Der Haut tut’s gut, mittlerweile wie Dachpappe geschmort, können Hände oder Gesicht kaum geschützt werden.
Was soll ich z.B. bloß in Australien oder in der Sahara machen, wenn’s irgendwann mal bei + 50 durch die Wüste geht?
Noch viel Zeit und viele (viele) Kilometer bis dahin…..
Ich kann sogar etwas trödeln, habe noch bis Mittwoch Zeit bevor das Visum gilt. Wandere erst im heiter, wolkigen Tag, zelte dann gezielt auf einer offenen Wiese, etwas geschützt von einzelnen Bäumen um dort im Wind der offenen Landschaft kein Fraß der Mücken (wieder) zu werden.
Klappt auch, heute am Freitag morgen scheint schon um halb sechs morgens die Sonne…. kaum ein Moskito stört das Idyll, kann wieder entkleidet meiner Katzenwäsche fröhnen.
18 km weiter wandere ich nun wieder in einer Stadt ein, Johvi, eine 11.000 Einwohnerstadt die mal für estnische Verhältnisse wirklich „Stadt“ ist, bedeutet erstmal Cappuccino, Pause und Wohnzimmer. Ja Wohnzimmer: Die Cafes oder Lokale mit WiFi, billigen Getränken sind meine Oasen im Einerlei des geschäftigen Wanderns.
Natürlich ist das Fernwandern eines meiner Lebenselexiere, aber nicht auschließlich; wie in einen geliebten Beruf (haben einige wenige wirklich!) macht man gern seine Sache, ja mit Leidenschaft.
Doch alles was schön ist, ist begrenzt. So relaxe ich nun hier im „Cafe Grande“ und lade meine als auch die Batterien meiner Geräte (Handy, Akku-Rasierer) an den Steckdosen des Lokals.
Es wird immer russischer; Johvi (gesprochen: Jichwije – das ch wie in „Schachtel“) hat schonmal uber 50% Russen in der Einwohnerschaft, leider ein größeres Arbeitslosenproblem was sich weiter nach Osten noch verschlimmert.
Dort leben noch mehr Russen, fast kaum noch Esten und Narva, die hinterste Stadt im Lande ist der Grenzübergang, die russischste Stadt Estlands.
Echt ein Traum: Wandern bei perfekten 22 Grad, leichter Wind und einsame Straßen, der Duft von Flieder.
Mein Ziel: Der Paipussee, auf estnisch: Peipsi järv (gesprochen: „Pepsi“) – zwar nicht aus Cola, aber schon recht klarem, sauberen Wasser bestehend, breitet sich nach langer, schweißtreibender Wanderung vor mir aus.
Wie ein Meer ersteckt sich das seichte, untiefe Gewässer bis zum Horizont. Ich glaube da drüben sogar das andere Ufer zu sehen, ganz rechts wo der Blick schon fast sich in aller Weite erschöpft, sehe ich RUSSLAND.
Der Paipussee, ein lustiger Name für den fünft-größten See Europas, mal eben über sechsmal gewaltiger als der Bodensee, oder um einiges größer als der Staat Luxemburg, dehnt sich das Paipu-Gewässer auf über 3.550 Quadratkilometer aus, zwei Länder teilen sich jeweils ein Ufer.
Ganz rechts zwischen Estland und Russland liegt der Paipus See, wo ich heut angekommen bin.
Überall Schilf, ich habe Angst gleich von tausenden Moskitos angegriffen zu werden, ziehe mich aber dennoch komplett aus, weder Mensch noch Mücke stören mein nacktes Badevergnügen, laufe weit hinaus und glaube bei Wassertiefe 0,5 Meter, ungefähr 150 m weit raus zu sein.
Im Schilf allerdings gibt’s einiges zu entdecken; seltsame Wasserinsekten wie Stabwanzen oder Wasserskorpione kitzeln meine Füße, die sich so freuen über all die Erfrischung.
Wo ist der Wanderwagen? Bloß nicht verirren im Schilfmeer, ganz nackig auf Erkundungstour.
Im seichten Nass schaffe ich wenigstens sowas ähnliches wie ein Bad, wasche mich endlich mal komplett ab. Welch eine Wohltat im klar-braunen Peipus.
Angst vor den Monster Blutegel der mich komplett aussaugen will, stapfe ich aus dem Schlick der Bucht wieder hinaus, laufe einige Kilometer weiter und finde dann doch noch den Traumstrand wo auch letztlich das Zeltlager in aller Einsamkeit einer seiner schönsten Plätze im Wanderleben hat.
Sand, Dünengras, rauschende Kiefern im Wind, das rauschen der Wellen… wie am Meer.
Lecker: Estnisches Bier zum traditionellen Trockenfisch, die ich im Viererpack für 2,30€ mir schon mal erlauben kann. Schwer zu knabbern sind die, zäh und salzig erstmal recht anstrengend zu genießen. Überhaupt, neben den orangenen Fischeiern gibts kaum Fleisch daran. Aber jeder hier schwärmt davon …
Abends dann aber kommen sie, die lieben Mücken-Frauen und attakieren was das Zeug hält. Kein Ding, das Zelt ist zu, ich schlafe perfekt und gut geschützt.
Allerdings wache ich in einem sirren vieler hundert Moskitos wieder auf, staune wieder über das Zelt welch Schutz vor Wind und Wetter, sowie auch vor solch Plage es bietet… muss aber irgendwann da auch mal raus.
Rasieren, Schlafsäcke und Decken einpacken, dann Reißverschluss auf und los….
Dick eingemummelt mit Handschuh und je zwei Hosen, zwei Pullis + Kaputze tief ins Gesicht, so habe ich eine Chance recht unbeschadet dem insektoiden Blutrausch zu entgehen.
Klappt, Ruhe bewaren und ganz in Ruhe alles vernünftig einpacken; das permanente Sirren direkt an den Ohren stresst dennoch stark… ich beherrsche mich, sodass der Sieg mein sein könnte, wenn da nicht… wenn da nicht.
Oh je, ich muss unbedingt noch einen Klo-Gang machen …..
Was tun? Ausgerechnet jetzt die Hosen runterlassen wäre eine Katastrophe. Hab kein Mückenmittel dabei, und überlege vielleicht in den See dafür zu gehen…. aber auch da muss ich mich ja vorher ausziehen.
Also durch: Ich renne 60 Meter über den Strand, hänge den Moskitowirbel somit ab, ab ins Gebüsch, Hose runter und los, aber Sekunden nur und wieder umschwärmen mich Pechvogel unzählige Blutsauger, ich könnte sterben….
Irgendwie schaffe ich die Nummer, kassiere wohl an ein Dutzend Stiche am A…. und beruhige mich, gehe zurück, schwitze wie ein Elch in all den Klamotten, packe das Zelt ein, pflüge den Wanderwagen durch den vormals noch so paradisischen Strand…. durch den Pinienwald, begleitet von einem wahren Wirbelsturm aus Mücken ………
Meditativ ertragend, alle Register ziehend jetzt nicht schlicht die Fassung zu verlieren, gib ich endlich auf dem Asphalt angekommen, Gas…. doch schnelle Schritte nützen garnichts, der nordische Sommer ist nun komplett zur Hölle mutiert, ich kann ja nicht wegrennen, kann nichts machen…. muss da durch, muss da durch…. aber wo durch? Wo ist die Erlösung?
Acht, zehn Kilometer renne ich nassgeschwitzt über die einsame Waldstraße, ertrage die schwüle Waschküchenluft in all den dicken Klamotten und überlege was denn wäre wenn‘ s nun immer so weitergeht?
….. Doch irgendwann, irgendwann kann ich wieder atmen, bleibe stehen und nein, kein Sirren mehr…. nur ein, zwei wirre Mücken umkreisen mich müde…. was war passiert?
Sind die Viecher nicht mehr aktiv?
Oder nur im Schutze des Waldes?
Wieder an der großen Landstraße sausen die 40 Tonner an mir vorrüber, pusten heftig Staub mir ins Gesicht und ich freue mich neuerdings darüber; kein Moskito hält den Windschatten der Truks stand, werden weggeblasen….
Puhhh, wenn das Paradies zur Hölle wird ….
Na toll: Warme 20 Grad, aber zwei Pullis + Mütze, zwei Hosen, damit die Mückenplage nicht einfach durchsticht. Handschuhe dazu lassen mich fast kollabieren, schwitze und flüchte ....