Holzfällerdorf Avinurme (1.400 Einwohner)

Ost – Estland durchwandere ich nun, und ich habe Zeit; bis zum 01 Juni kann ich es noch schaffen einen Schlenker zum Peipsi See einzubauen.
Auf dem Weg dahin kratze ich eifrig die vielen Mückenstiche von Simuna wund, 30 Kilometer hab ich dafür ja Zeit.

Wald ohne Ende, zwar immernoch eher Plantage in durchforsteter Reihenpflanzung, aber mit etwas Phantasie sehe ich nur noch Natur pur; Estland überzieht 55% Wald, der allerdings fast ausschließlich (wie überall in Europa) als des Menschens Nutzwald dient.
Jeder Meter alle paar Jahre aufgeräumt, echte Wildnis Fehlanzeige. Aber dennoch, Elche und ja sogar Bären (letztere in winziger Anzahl) fühlen sich im geometrisch korrekten Wirtschaftsforst einigermaßen wohl, verlieren sich in den menschenleeren Baumkolonnen, bis irgenwann, so alle paar Jahre wieder die Motorsägen den Sektor systemathisch daran erinnern, dass die Ära des unberührten Urwaldes, wirklich vorbei ist. Dann flieht alles was noch übrig ist an Fauna, aus der korrekten Flora.

So landet er dann, der maßgeschneiderte Baum, als aufgearbeiteter Stamm, abgemessen in einem der Sägewerke von Avinurme, dem einzig wichtigem hier, wovon die wenigen Bewohner dieses platten Waldlandes leben.
Es läuft gut, Holz ist gefragt europaweit vor allem wenn’s billig ist, und bei den neuesten (import) Maschienen, holländischen sowie schwedischem Know How’s für alle Bereiche moderner Land/Forstwirtschaft, bleibt der Flächenstaat Estland konkurrenzfähig.
Im Dorf Avinurme erzählt mir Holzwaren Verkäuferin Ludmila sowas gern; ich schlürfe gleich zwei Cappuccino dort, zahle aber nur einen, weil meine Wanderleben Story offenbar Symphatie schafft.

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Alles Holz, alles Handarbeit. Tolle Qualität und garnicht teuer. Das Holzladen - Cafe in Avinurme.
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So viele Dörfer, aber jedes einzigartig. Avinurme im Osten von Estland.

Drei Stunden lasse ich mir Zeit die Beine zu entlasten, walke aber anschließend noch ganze vier km, vorbei wieder an Sägewerken, der riesigen Blechhalle einer Metallschmiede, und strande im Schutze einer hölzernen Ruine fast am Straßenrand.
So ruhig wie es hier ist, zelte ich einfach offen neben dem Haus auf ein Stück Wiese. Im Wald mag ich nicht mehr so gern, dort, im Schutze der Bäume schwirren Milliarden Mücken jetzt.
Im leichten Wind offener Landschaften, scheuen sich die Plagegeister mehr, weshalb ich die Strategie bei der abentlichen Suche nach einem Lagerplatz ändern muss.

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Mein Haus ist kleiner, dafür aber intakt; Bauernhausruine und Villa Wanderleben.

…Der zivilisierteste Hinterhof der Welt…

Jajaja, über den Begriff Zivilisation lässt sich ja streiten, genauso über die Lage des kleinen Landes hier ganz oben am Rande Europas….. oder besser gesagt am Rande der EU.

Außerdem hören (und lesen) die Esten überhaupt nicht gern ein Hinterhof zu sein, aber der Einfachheit halber dürfte es schon gehen, auch wenn Europa entweder hier aufhört oder dessen Mitte (geographisch) hier ganz nah ist; nahe Vilnius (Litauen) liegt er ja, der geographische Mittelpunkt unseres so kompexen Kontinents, der im eigentlichen Sinne ja kein eigener Kontinent ist, sondern (im wieder geographischen Sinne) mit Asien, die Super-Landmasse „Eurasien“ bildet.

Aber nur ein Teil eines viel Größeren? Damit gab und gibt sich der selbstherrlichste Kontinent nicht zufrieden und zak, so manch imaginäre Trennlinien zaubern sich längs das Urals und dem Kaukasus zwischen die Landmassen. Europa ist geschaffen und viel später dann wieder ein ganz anderes; die Europäische Union, eines meiner Lieblings-Meilensteine humaner Zivilisation (jetzt kein Scherz!) was aber gern auch „eurasische“ Dimensionen hätte.
Jaja, auch ich würde mir echt wünschen das Moskau im (geographischen) Zentrum dieser EU heute stünde; da wäre unser vereinter Kontinent nämlich bis an Chinas Grenzen gewachsen, Nordasien (Sibirien) somit also europäisch, aber eben nur politisch dann.
Man kann es sich auch schwer machen, aber Europa zu unterscheiden in seinen Landmassen und politischer Größe, dürfte eigentlich jeden gelingen, und somit versteht es sich doch von selbst, wenn ich bald mitten in Europa, Europa verlasse.

Estland gibt also noch einmal richtig Gas, hier oben direkt neben dem russischen Riesenreich mit allen nur erdenklichen Euro-Normen, ganzen Wäldern von Straßenschildern, Verbot und Geboten überall, Grashalme gekämmt in aller Weite übers flache Land, glatter noch als in Holland.
An der Wursttheke im großen Supermarkt muss ich eine Nummer ziehen um was dort aussuchen zu können.

Es klappt aber auch, den Menschen hier gehts offensichtlich gut und ganz im Gegensatz zu den Bruderstaaten Litauen und Lettland, will hier nicht gleich jeder auswandern.
Überall komme ich auch mit Englisch super weiter, erfahre somit hier auf dem weiten Land, dass es hier so billig ist Land und Haus zu erstehen.
Hier ein verfallener Hof, dort eine eingestürzte Ruine, aber immer schön mit gemähten Rasen drumherum. Oft zu lesen auf einem Schild: „Müüa“ was zu verkaufen heißt.
Also eigentlich lässt es sich hier auch leben in Estland; alles ist da, die schwindenen Dörfer schrumpfen nicht lautlos, zeigen viel Einsatz in Kulturzentren, neuen Schulen oder großen Freiflächen als Parks oder Veranstaltungsfläche. Neubauten neben totalem Zerfall, letzterer so weit wie möglich kaschiert.

Estland hat eigentlich alles, nur eben keine Menschen. Die werden weniger und freuen sich tatsächlich wenn Zuzug z.B aus Deutschland kommt: Billiges Land, weite freie Flächen und wirkliche Ruhe dürfte dem einen oder anderen Flüchtigen mitteleuropäischer Enge vielleicht gefallen.
Mann sollte gut Englisch können und ja, das europäische Chinesisch zumindest etwas verstehen, Estnisch gehört zusammen mit dem ungarischen und finnischen zu den seltsamsten und komplexesten Sprachen in Europa.
Sollte der Neu-Este dann mal Heimweh haben, sind die 2.300 km nach Deutschland dank Billigflug von Tallinn kein Problem, ich hab’s ja vorgemacht.

So, wenn eine Million Neubürger in Estland angesiedelt sind, bekomme ich eine Mio € von der Regierung als Dank. Also, jetzt müssen das nur noch genug Leute lesen ……

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Land, Land, Land, soweit das Auge reicht, soweit die Füße tragen. Estland sieht aus wie Friesland, kein Grashalm wächst hier wie er will, alles ist gebügelt und gemäht.
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Ortseingang zum Dorf Simuna: Für 15.000 € gibts hier diesen Hof mit Land drumherum, erfahre ich hier beim Schnak am Kaufladen.

Liebe Grüße, nach weiteren 30 km „Sonnenwanderung“ aus dem Holzfällerdorf Avinurme. Gleich kaufe ich noch kaltes Bier, suche dann in der Nähe eine schöne Wiese….. für die klare Nacht unter nordischem Himmel.

Väike-Maarja ( 4.800 Einwohner )

10 Stunden Schlaf waren echt nötig. So platt war ich vom Tag zuvor, wachte einmal um Mitternacht auf um Pipi zu machen…. staunte nicht schlecht über den dämmerigen Nachthimmel.
Holla die Waldfee, was bin ich weit oben im Norden: Am Horizont nach Norden leuchtet Azur-Silbrig die Mitternachtssonne des Polarkreises…
Ich erinnere mich an eine Tramp-Tour damals zum Nordkapp, wo es um eins in der Nacht Taghell war… schlafen nur mit Schlafmaske möglich, – oder nicht zu knappen Promille …

Weiter Nördlich aber geht mein Wanderweg erstmal nicht; von Tallinn bis St. Petersburg komme ich am höchsten, ziehe dann nach Moskau wieder südlicher ab. Erst in einigen Jahren, wenn mein Weltweg Nordamerika durchzieht, wandere ich noch weiter nördlich bis Alaska….

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Kurz vor dem Dorf Porkuni spreche ich mit einer mindestens 300 jährigen Kiefer.... selten sehe ich solch wundervolle, alte Bäume.

Dank einer 1-Euro Handykarte bin ich wieder telefonisch erreichbar, bekomme somit promt einen Lagebericht von FREUND GEORG auf dem Jakobsweg; er ist wieder glücklich, schafft es die Schmerzen an den Füßen mit Fassung und der entsprechenden Normalität zu nehmen.
Unter „Wanderhelden“ (wir gingen bereits 2011 den Jakonsweg 900 km durch Spanien zusammen) tauschen wir uns aus, prahle etwas mit meinen völlig beschwerdefreien Tretern & Beinen, und beruhige mich zu wissen, dass Georg heute Abend (Montag) in der Stadt Metz ankommt, dort zwei Tage im Ibis-Hotel relaxt.
Davon kann ich nur träumen, oder jemand lädt mich wieder umsonst irgendwo ein, träumend an Tallinn erinnernd …  und erreiche erstmal eine weitere Stadt.
Wieder eine Kleinst-Stadt, aber mal mit perfektem Gasthof, alles rustikal in Holz und wieder russischer Pop vom Band. Für 5,50 kann ich nicht wiederstehen, schlemme ein leckeres Mahl und gönne mir jetzt beim posten meiner Geschichten einen Kaffee dazu.

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Wer kennt Väike-Maarja? Immerhin dürften dass 4.800 Leute auf Anhieb; die leben nähmlich hier. Ganze drei Stunden brauche ich erstmal für alles: Essen, einkaufen, www.wanderleben.com versorgen 🙂
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Hier auf dem Lande, abseits der Meeresküste ist es noch echt billig in Estland: 5,50 kostet Suppe, Salat & Gulasch. Die Cola für 80 Cent.

Sonnenwandern …

Was freue ich mich auf die einsame Straße von Jäneda hinaus nach Tapa… noch kürzlich ging ich hier, aber ohne Wanderwagen zum abgelegenen Bahnhof, dort in den Zug nach Tallinn (Flughafen). Und nun wandere ich wieder hier.

Zum Glück bin ich damals nicht bis Tapa gezogen, wollte ja eigentlich dort den Wanderwagen lassen, weil Tapa ja eine Stadt ist und womöglich bessere Konditionen zur Zwischenstation meines wuchtigen Gepäcks bietet.
Von wegen, welch ein Glück zuvor in Jäneda geblieben zu sein; Tapa wirkt erst gewohnt trist, mit weißgrauen Sozialbauten, vier Stock hoch und selbst beim gleißenster Sonnenflut immernoch trostlos.
Komischerweise sind im jedem Fenster aber Gardienen, oder sonstige Lebensspuren, also wohnen hier auch viele Leute.

Die tummeln sich teils besoffen im Park zwischen der Jakobi Kirche und Bahnhof, die einen wie betäubt sitzend auf der Bank, die anderen laut erzählend fast schon hyperaktiv gestikulierend.
Ich halte Abstand und kaufe erstmal im zentralen Kaufhaus ein. Für 12 Euro füllt sich die Wanderwagen-Vorratskammer komplett voll.

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Tapa (5.200 Einwohner) war einst mal doppelt so groß. Heute nur ein verschlafener Eisenbahnort den ich mir schon etwas lebhafter vorgestellt habe.

Lust auf ein Kaffee?
Lust auf Internet? (Mit Mama sprechen)

Keine Chance, ich streife im Ort umher und finde nur eine winzige Pizzeria ohne Räumlichkeit, aber Stadtauswärts doch noch eine Kneipe.
Russischer Pop und hölzerne Einrichtung lassen ahnen eine Mini Russendisko gefunden zu haben. Auch ein einsamer, sehr offensichtlich komplett alkoholisierter Typ bereichert die Szenerie.
Der ist gerade noch in der Lage von der Holzstufe aufzustehen und mich anzulallen, „American?“
Abgelenkt mein WiFi zu generieren sage ich schlicht „yep“ und kann gerade noch ausweichen…. ein wirrer Hieb seines dünnen Armes unter schimpfung „Russia down“ … „America fuck Russia“ wollte mich treffen, doch die ruppigen zwei Frauen hinter’m Tresen sind blitzschnell zur Stelle; „Sasha“, so verstehe ich, soll sich ganz schnell vom Acker machen und die ausgezehrte, dünne Gestalt war plötzlich verschwunden.
Uff, ein Vorgeschmäckle auf Russland?
Wir werden sehen …

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Brachte mir Glück: Offenbar die letzte Spur des heiligen Jakobus hoch im Osten... gut 5000 km entfernt von Santiago, finde ich noch eine "Jakobi Kirik" - eine dem Pilgerapostel geweihte Kirche in Tapa. Und: Noch dabei, mein Jakobsweg-Shirt, seit ebenfalls 5000 km.
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Weit hinter Tapa entdecke ich in der Leere des platten Weidelandes längst vergessene Klostermauern mit altem Turm.

Traumhaft, es weht ein sanfter, warmer Wind und die Sicht ist weit. Ich achte stets darauf nicht immer die Arme und Beine frei zu machen, damit nicht wieder die Haut gebraten, tagelang schmerzt…

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Typisches Kleindorf, wie Moe mitten im Nirgendwo; ohne Kirche, ein paar sowjetische Sozialbauten und dessen Nutzgärten außen vor.

„Hotel California“ von den Eagles spiele ich im Geiste, kenne das alte Lied auswendig seit meiner Kindheit und wandere meinen Traum; vielleicht schaffe ich es wirklich bis „California“ …. noch gut 55.000 km bis dahin (hab die Welt-Wanderroute bereits gut ausgetüftelt)

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Pause im Blumenmeer. Soviel Löwenzahn habe ich wirklich noch nie gesehen....
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Und letztlich doch noch eine dankbare Erfrischung für die heißen Füße: Sprudelndes Wasser, dahinter wartet ein längs aufgegebenes Bauernhaus auf Erkundung; ca 200 Jahre verwittern die Mauern. Das Holzdach gibt es schon garnicht mehr.

Abseits der total verlassenen Landstraße (von Saksi nach Porkuni) entdecke ich einen steilen Pfad, hinauf auf ein sattgelbes Rapsfeld am Rande des allgegenwärtigen Waldes.
Ein perfekter Platz, gut geschützt auf weichem Gras für die Nacht.
Voll und üppig gefüllt auch die „Speisetasche“ vorn am Wanderwagen.

Jetzt muss ich mich nur noch an die mittlerweile Milliarden geschlüpften Mücken gewöhnen, esse, trinke, genieße, aber erlege insgesamt 14 Plagegeister mit bloßer Hand, kassiere nur drei Stiche und verfüttere sie am Ameisenhaufen, 10 Meter vor dem Zelt.

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Ein steiler Weg führt von der ruhigen Waldstraße ca 30 Meter hinauf.... den Rucksack packe ich aus dem Wagen am Rücken, so schiebe ich den Karren leichter hinauf.

Wie ein Traum …

… fühlt sich das an.
Irgendwie nicht echt; erst noch am Tresen in meiner Bar, am kuscheln mit Mamas Haushund „Else“, die Unterhaltung mit dem kleinen Ben (6), dem jüngsten Familiennachwuchs im heimatlichen Recklinghausen. Und nun, nach sechs Tagen „Heimatleben“ bin ich wieder hier in Jäneda, dem fernen Dorf im Irgendwo.

60 km abseits von Tallinn (Estland) wartet der Wanderwagen in der Rumpelkammer dieses Gasthauses, wo ich schonwieder kostenlos „Gast“ sein darf, eben nicht „Kunde“ – bekomme ein Zimmer, Dusche und Frühstücksbuffet, natürlich alles mit WiFi.

Gestern hatte ich fast weinen müssen, wohl vor Freude in der Dichte all der Emotionen, einerseits wieder die geliebte Heimat zu verlassen, anderseits vor greller Freude wieder zu wandern, schlafen im Wald…

Also, weiter nach Osten, noch über 200 Kilometer bis Russland. Heute erreiche ich Tapa nach 20 km, danach nochmal zehn Kilometer bis in den Wald. So der Plan des Tages.

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Dank Ryanair kann der Wandersmann sein Zuhause besuchen; 69 € für hin & zurück machen es möglich. Landeanflug auf Tallinn in ca 4 km Höhe.
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Wieder zu Gast in Jäneda, eingeladen im Gasthaus für Lau. Hier war auch der Wanderwagen zwischengelagert wärend meiner Pause Daheim.

… Wanderleben/Heimatleben …

Gehört untrennbar zusammen: Wandern & Heimat ergänzen sich in ihrer jeweiligen Länge, – oder Kürze; sechs Tage bin ich jetzt bei der Familie in Recklinghausen, dank Billigflieger mal ganz kurz bei den Lieben, oh mann, was für ein Schnitt, was für eine Wohltat diese Pause vom so geliebten Weltweg da draußen…

Ja, Dinge die wir lieben brauchen auch Distanz. Gelegentlich, unregelmäßig und diplomatisch.

Ein volles Jahr im Wanderleben wäre das maximale, ein paar Monate Zuhause (Heimatleben) eben auch, und es kommt mir dann doch zu kurz vor diese sechs Tage Daheim, zu viel wollte ich noch machen, soooo viel hab ich auf dem Herzen. Aber morgen am Samstag Mittag geht er wieder, der Flug zurück nach Tallinn, zurück ins andere Leben…

Wie erwartet mit Freud und Leid; die müßigen Abschiede von der Familie, mittlerweile in Routine nicht mehr so schlimm, sowie die Vorfreude auf Zelt, Straßen, fremde Sprachen, weite Landschaften …

Das höchste Glück des Fernwanderers ist seine Heimat; zum einen in mir selbst, sodass ich in mir Zuhause bin und somit sehr mit mir im reinem. Viele weit Reisende suchen sich selbst, suchen und suchen, ja laufen, fahren, rennen weg vor sich selbst.
Die Probleme, die Sorgen aber kommen mit, wobei eben das weg-sein in diesem Fall was gutes ist, wenn auch nicht eine finale Lösung für Alles.

Ich habe mich schon gefunden, will ja nicht von Zuhause weg, sondern nur hinaus in die Welt …

Ein Fernwanderer sollte sich schon gut kennen, sollte sich mögen können, entgegen der landläufigen Meinung „gehe weit hinaus und finde Dich“, um wirklich da Draußen glücklich zu sein.

Andernfalls kann eine Fernwanderung wirklich ein Heilmittel sein; der Jakobsweg zum Beispiel hatte mir auch so sehr geholfen zu entscheiden was ich wollte. Nun bin ich hier.

Freund Georg ist übrigens auch seit gestern los: Er läuft mit frischen 65 nun in die Rente, von Trier die 2300 km nach Santiago (Spanien) in über drei Monaten Wanderzeit. Er rief gerade noch an von der Front, allerdings mit Klagen über Schmerz an den Füßen und leerem Bauch, da kein Frühstück um sechs Morgens….
Dank Wanderwagen passiert mir sowas nicht so schnell, und werde ihn morgen wiedersehen, meinen Weggefährten seit über 7600 km, im Dorf Jäneda abseits vom Flughafen Tallinn.

Morgen Abend bin ich dann wieder in der anderen Welt …

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Auch Zuhause tut sich was: Die Recklinghäuser Zeitung berichtet vom Wanderleben.
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Auch die "WAZ" berichtet übers Wanderleben auf einer halben Seite. Je berühmter mein Projekt wird, um so besser schaffe ich ihn: Den "Deutsch-Russischen Freundschaftslauf, 10500 km durch Russland.

Estland liebt mich …

Mir ist mulmig: Bis Samstag muss ich den Wanderwagen irgendwo unterkriegen für die acht Tage die ich fort bin, da ich den natürlich nicht mit in den Flieger packen kann, ohne Weiteres.
Also hoffen dass es letztlich klappt….
Zelten auf herrlichen Wiesen am Waldrand ist wieder angesagt, wie immer mit Buffet a la Supermarket und dem Plan final den Ort Tapa zu erreichen; lediglich wenige Dörfer liegen dazwischen, abgelegen noch dazu aber es kommt wie immer anders:

Hängen bleibe ich im Dorf Jäneda, schon weil beim Wasser kaufen im „Kauplus“ (kleiner Laden) mir die Info zukommt, hier gäbe es ein Hostel.

„Hostel“ heißt international eigentlich alles was ein einfaches Gasthaus in jeglicher Weise ist. So auch hier, das schwer zu erkennende Gasthaus im Stil zweckmäßiger Backsteinarchitektur der Sowjetzeit fügt sich in einem Ensemble entsprechender Bauten der 80er Jahre ein.
Damals war der Komplex im Rahmen einer Kolchose als großes Schulzentrum für Landwirtschaft entstanden.
Heute längst zweckentfremdet, ein lohnendes Ziel meiner Hoffnung schon hier einen Parkplatz für den Wanderwagen zu finden.
Gesucht – gefunden: Schnell findet meine Story Gehör, die adrette aber freundliche Dame am Schalter spricht sogar Deutsch und mein Ansinnen erfüllt sich obendrauf noch mit einer kostenlosen Nacht hier.

Estland scheint mich offenbar zu lieben. Wieder ein „Hotel“ wieder eine gratis Nacht. Und vor allem eines haben sie hier auf dem Lande: Platz.
Der Wanderwagen steht gut und dauerhaft in einer der vielen Kammern des großen Baus. Ich bin begeistert.

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So sieht das Gasthaus in Jänada aus. Einst als Schlafkaserne für die Landwirtschaftsschule zur Sowjetzeit, heute eine Art Jugendherberge mit viel Platz.

Wieder Kontraste: Heute mal ein klassisches Zimmer im Stil alter Jugendherbergen. Es riecht irgendwie noch nach Farbe längst vergangener Anstriche, drei einfache Betten im kleinen Raum, und ich sofort erstmal platt wie eine Flunder zum Mittagschlaf die Gunst der Stunde fröhnen.

Jänada, ein 450 Einwohner Dorf mit viel Geschichte; vor 670 Jahren gegründet, war es noch kompakt mit Holzhäusern ein kleiner mittelalterlicher Marktflecken in den tiefen Weiten der baltischen Wälder.
Deutlich später, so gegen 1880 von einer deutschen Gutsfamilie ausgebaut mit großen Gehöft, was noch heute ganz deutlich das Zentrum markiert; der alte Hof mit seinem typisch estnischen Granit-Bruchstein Mauerwerk umfasst einige große Gebäude, wie den Pferdestall, oder einer alten Fabrik mit Kamin.
Der alte Pferdestall ist heute ein Gasthof mit rustikaler Küche und gutem Bier vom Fass.
Das Guthaus wo die Familie wohnte, heute ein Kulturzentrum mit Museum, offenen Räumen für die Dorfbewohner dürfte das Wahrzeichen von Jäneda sein, allein schon wegen seines Schlossartigen Aussehens.
Anschließend gehen die Bauwerke in die weiß, sowejet ästhetische Landwirtschaftsschule über, – heute eben ländliches Gasthaus und Konferenz sowie Hochzeitsdomizil für die weite Umgebung, bis zur Großstad Tallinn.

Eine Kirche hat übrigens Jäneda nicht. Den Sowjets war das sowieso egal damals als die Gutsfamilie enteignet den Ort verlassen musste und hier erstmal ein ganzer Tross trister Sozialbauten entstand, wo noch heute fast alle Einwohner leben.

So, geschafft: Morgen geht dann ab die Post zurück nach Tallinn, eben mit dem Zug (ein Bahnhof liegt in zwei Kilometern) und um 16 Uhr der Flieger nach Düsseldorf. HEIMATLEBEN für sechs Tage sind erstmal angesagt. Danach komme ich wieder, und weiter gehts…. immer nach Osten. Russland wartet.

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Überall droht der Zerfall in Jäneda, doch meist mit Erfolg erhalten die wenigen Bewohner ihren weitläufigen Ort vorbiltlich; weite, gemähte Rasenflächen überall, öffentliche Nutzung der alten Gebäude, und man tut was, hier, da - überall.

Der Weg ruft ….

Oder die laute Straße.
Deftig brauchts der Wandersmann: Am Labsal des morgentlichen Buffets im Hotelrestaurant versuche ich mich der Völlerei; gut english Breakfast soll es sein, damit was auf die Rippen kommt ( Mama sah die letzten Bilder, „mann bist Du dünn, oh jeee“)

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Deftig solls sein: Drei Teller hab ich geschafft....

Ich bin früh raus aus dem Hotel, umkreise etwas verärgert mehrmals dieses riesige Einkaufzentrum „Norde Mall“ weil dieser Pfandautomat für all die leeren Plastikflaschen irgendwo hier sein muss, höre noch meinen Namen gerufen: Reino, der gute Gönner von Tallinn kommt aus der Drehtür gelaufen, ruft mich wie ein Freund der ohne goodbye von Dannen will.
So schön, hatten wir noch geschafft uns zu verabschieden, offenbar sind wir beide voneinander beeindruckt, stelle ich fest. Jeder aus seiner ganz eigenen Welt hinaus.

Wie betrunken von all diesen Eindrücken, den Bauch voller Bohnen und so guter Leckereien, macht es erst Spaß aus der Stadt hinaus zu wandern.
Bald komme ich auch am Flughafen vorbei, den ich in kürze von innen wiedersehen werde, gerate aber dann in einen Verkehrskollaps aus LKWs im Amoklauf.
Kein Seitenstreifen mehr, kein Garnichts. Dann auch noch eine viele Meter lange, alte Blutspur auf dem Asphalt, ich gucke leider zu deutlich hin: Organe und/oder Körperteile eines großen (unerkenntlichen) Tieres im Gras neben mir… es donnert nur so der Schwerverkehr Zentimeter vorbei…

Gottseidank biegt viele Kilometer später der Weg in ruhigere Gefilde. Jetzt wirds wieder Wanderleben – Romantisch und kann wieder träumen längs der Kilometer.

80 Kilometer in zweieinhalb Tagen sind im Plan.
Warum?
Es ist gebucht: Tallinn – Düsseldorf für sieben Tage.
69 Euro für hin und zurück mit Ryanair. … Würde ich hier doppelt ausgeben wenn ich bliebe bis ersten Juni (Visastart Russland) – drei Tage noch, und die wandere ich lieber als in Tallinn teures Bier zu schlürfen.