
…bestimmten den langen Weg durch den Aubrac, einer rauen Hochlandregion im Zentrum Frankreichs
Jens auf dem Weg um die Welt

…bestimmten den langen Weg durch den Aubrac, einer rauen Hochlandregion im Zentrum Frankreichs
Einfach herrlich, diese lauschige, warme Nacht unter rauschenden Tannen. Ich fühlte mich wirklich wohl jetzt hier in dieser Gemeinschaft, die der Jakobsweg auf all seinen Windungen zusammengeführt hat… Nach einigen Tagen dann erreichten wir das nächste große Ziel: Le-Puy-en-Velay, mitten im französischen Zentralmassiv gelegen. Und das bedeutete nun das Ende der Großetappe Trier – Le Puy, die für sich allein 845 km lang ist. Hier verbrachten wir die zwei Tage Aufenthalt in einem „Donativo“, einer Herberge mit Schlafsälen extra für Jakobspilger, wo die Bezahlung in Form einer freiwilligen Spende verrichtet wird. Aber der Weg ist noch lang. Sehr lang: Die „Via Podiensis“ ist ein über 700 km langes Teilstück des französischen Jakobsweges. Sie führt Richtung Westen, über das raue Hochland des Aubrac. Hier durften wir unerwartet die härtesten zwei Wandertage erleben: Starkregen ohne Ende und eiskalter Wind schlugen uns hart entgegen. Völlig durchnässt (trotz Regenbekleidung) hielten wir durch, verloren aber Nico, der noch viel schneller war und uns davonlief…
Der Jakobsweg ist im Großen und Ganzen eine recht einsame Sache, die unendlichen Weiten, diese Stille auf Schritt und Tritt. Die eigenen Gedanken – als einzige Begleiter – vermitteln ein gewisses Gefühl von „einheitlicher Zweisamkeit“. Die Welt zieht in einer menschlichen Langsamkeit vorüber, die mir erst einmal klar macht, wie groß und weit diese ist. Eine Welt, die wir heute mir Autobahnen vernetzen und in Bonusmeilen hoch über den Wolken vermessen…
Hier fand ich nun, in meiner Welt von vier Stundenkilometern zu Fuß, meine künftigen Wegbegleiter, die im selben Tempo auch nach Santiago de Compostela wollen. Und so sind wir zu viert! Cis, eine hellblonde, kurzhaarige Holländerin, die aus Utrecht gestartet ist, Frank, ein Lebenskünstler und Weltreisender aus Köln, und Nico, der Vegetarier aus Freiburg, fanden sich alle schon vor mir auf dem Wanderpfad, und so schloss ich mich der Gruppe an, um das Abenteuer nun gemeinsam zu versuchen.
Wir zogen nach Süden, schafften die 35 km nach Montbrison, wo es für uns einen Pilgerempfang der dortigen Kirchengemeinde gab. Welch freundliche Leute hier! Es gab kräftigen Käse, Gesang und eine kostenlose Unterkunft im Gemeindesaal. Wir alle sind ja gut gerüstet mit Schlafsäcken, Liegematten und Zelten, so dass wir am nächsten Tag, an dem es 25 km weiter in den tiefen Wald ging, dort ein Camp aufschlugen.
Manchmal ist es aber schwer, die richtigen Leute am richtigen Ort zu finden. Die Höfe sind oft unzugänglich oder ich finde dort niemanden. Privathäuser empfangen mich gern mit großen lauten Hunden… Da suche ich eine Weile nach einem Gastgeber, und das kann schon zeitaufwändig sein.
So ziehe ich durch dieses weite, große Land dem Süden entgegen, immer noch auf der Suche nach der Sonne, aber mitten im Glück, in der Ferne zu sein, dem Glück, immer unterwegs zu sein.
Mir geht es gut und dem Wanderwagen, der schwer an seiner Last trägt, auch. In wenigen Tagen geht es dann hinter Le Puy weiter Richtung Westen, ca. 500 Kilometer hin zur spanischen Grenze. Ob dort der Himmel endlich klar ist?
Ich grüße Euch und denke viel an meine Heimat Recklinghausen, hier und jetzt bei französischem Ziegenkäse und Rotwein in meinem Zelt im Dorf Pommiers.
Die Zeiten bessern sich deutlich. Das allgegenwärtige Regenwetter war nun endlich vorüber. Den nassen Campingplatz von Pommiers verließ ich Richtung Sonnenschein – und in Begleitung!
Das Wetter besserte sich, und es wurde endlich wärmer. Ich schlug mich nach Dijon durch. Später kam ich dann weiter südlich in die ersten großen Weinbaugebiete meiner langen Reise, erreichte bei Sonnenschein das berühmte Christencamp Taizé, von wo aus ich den Jakobsweg über Roanne etwas abgekürzt habe. Zwischendurch habe ich vor allem auf Bauernhöfen in meinem Zelt übernachtet, das ist kostenlos und interessanter als auf den Campingplätzen, sowie bei vielen freundlichen Menschen hier in Gärten oder auch im Haus. Ich frage einfach und bekomme fast immer Zuspruch – auch ohne französisch zu können.
Talboule, Käse, Baguette und Wein.., was will man mehr?
Weiterhin hat der unablässige Niederschlag dafür gesorgt, dass mein Zelt sowie sämtliche Kleidungsstücke ständig nass waren. Deshalb musste ich manchmal auch in vergleichsweise teure Hotels und kam von der eigentlichen Wanderroute des ausgeschilderten Jakobsweges ab. Die Wanderwege, oft durch Wald und Feld führend, sind bei diesem Wetter vermatscht und somit schwer zu gehen. Deshalb fand ich oft den Weg parallel auf den kleinen Dorfstraßen, wo ich leichten Fußes dem kalten Wind und Regen trotzte.
Dieser Weg führte mich von Trier über Luxemburg nach Metz, wo Frankreich noch ein klein bisschen deutsch ist. Über Nancy, Toul und Neufchâteau (hier war des Wetter am schlimmsten) brachte mich der Jakobsweg nach Langres in die Champagne, wo mich mein lieber Freund Georg aus Trier besuchte.
Nun sitze ich hier und habe meine ersten 1000 Kilometer zu Fuß vollendet, hier in Pommiers, einem kleinen Ort ca. 80 km westlich von Lyon. Es ist (mal wieder) Zwangspause, mein permanenter, wenn auch unerwünschter Begleiter, der Regen, treibt mich auf diesen langweiligen Campingplatz tief in der französischen Provinz, und ich nutze die Zeit zum Schreiben – und zum Schlafen. Insgesamt geht es hier auf dem Jakobsweg in Frankreich besser als ich vorher gedacht hatte. Die Landschaft ist herrlich, die Gesundheit robust und vor allem, ja vor allem die Menschen hier sind unglaublich freundlich und hilfsbereit.
Nur mit der Natur des Landes sieht es ganz anders aus. Als ich kurz hinter der Grenze mein Lager aufschlug, um im Schutz des Waldes die Nacht zu verbringen, machte ich erstmals Bekanntschaft mit den überreichen Wildbeständen unseres schönen Nachbarlandes. Insgesamt viermal hatte ich hier in Frankreich im Wald gezeltet und jedes Mal richtig Ärger (nein nicht mit der Polizei – freies Zelten ist in Frankreich eigentlich verboten) mit Wildschweinen gehabt, bis sogar eines versuchte, in mein Zelt einzudringen und ich nur noch mit dem Pfefferspray Abhilfe fand. – Und das alles bei Regen um Mitternacht!
… mein treuer, stummer Begleiter…
Prüm, Waxweiler und Mettendorf sind zwischen herrlichen Wäldern, Weiden und Wiesenlandschaften in sanften Hügeln gelegen, durch die uns der Jakobsweg anschließend führte. Dann über sehr steile Abstiege, vorbei an scharfen Felsen, weist der Weg nach Echternach, was schon in Luxemburg liegt. Dort, in der ältesten Stadt des Großherzogtums Luxemburg, gibt es die bekannte Basilika von Echternach zu bestaunen, und wir bereiteten uns vor auf die letzte Tagesetappe nach Trier, der ältesten Stadt Deutschlands.
Hier in Trier angekommen, am Ostersonntag, ruhe ich mich nun seit fünf Tagen aus, habe meinen Stempel vom Trierer Dom als auch der St. Matthiaskathedrale in meinen Pilgerausweis bekommen, wie ich diese auch schon vom Kölner und Aachener Dom zuvor hatte. Heute gehen wir noch zum Abschied in der Altstadt römisch essen. Da Trier ja vor 2038 Jahren von den Römern gegründet wurde, finden wir das ganz authentisch. Zudem ist hier viel los zurzeit, da im Trierer Dom der „Heilige Rock „ausgestellt ist, der Überlieferung nach das Gewand Jesu. Morgen geht’s wieder weiter: Großetappe Nummer zwei, 845 Kilometer nach Le Puy ins Zentralmassiv.Ich freue mich auf Frankreich.
Einfach war der Weg nicht gerade…
Die Eifel, das Mittelgebirge zwischen Aachen, Köln und Mosel, ist ohnehin eines der führenden Wandergebiete in Deutschland. Hier konnte ich auch die Grenzen meines zwar schweren, aber leicht zu führenden Wanderwagens erkennen; über Stock und Stein, steile, felsige Waldwege mit holperigen Wurzeln oder Schlammlöchern (Das Wetter wurde feuchter…) erschweren das Fortkommen zwar erheblich, aber dennoch musste ich nirgendwo aufgeben und woanders weiterkommen. Es hat immer geklappt und es ging zuverlässig weiter. Von Blankenheim sind wir weiter ins idyllische Kronenburg gewandert, wo ich nun nach 350 Kilometern mein Bundesland NRW verlasse.
Köln verließ ich in Richtung Westen und hatte in Kerpen mitten auf dem feudalen Schlossgelände von Burg Berghausen mein Zelt aufschlagen dürfen. Ich hatte dort an der Tür geklingelt und nach einem Stück Wiese irgendwo um die Schlossanlage gefragt und konnte gleich mittendrin campieren. Einfach toll. Danach führte mich der Jakobsweg über Düren nach Aachen, wo ich schon mit meinem lieben Freund Georg verabredet war. Georg ist 61, hat Theologie studiert und ist Musiker. kennen gelernt habe ich ihn ein Jahr zuvor auf dem spanischen Jakobsweg. In Aachen hielten wir uns nun einen vollen Tag auf, um anschließend quer durch die Eifel nach Trier zu wandern. Von Aachen nach Trier gibt es eigentlich keine bekannte Jakobsroute. Zwischen Köln und Trier aber sehr wohl, die „Via Colonensis“, auf der wir dann gemeinsam auf der Höhe Blankenheim gestoßen sind. Der Jakobsweg ist letztendlich immer dort, wo man ihn geht. Nur nach Santiago soll er führen, was die einzige wirklich feste Größe dieses Weges ist. Ob in Etappen über verschiedene Zeiträume oder auf einen selbst gewählten, eigenen Weg, der abseits der etablierten Pilgerrouten liegt ist Wurscht. Es ist eine Herzensangelegenheit ohne starre Regeln.