England ( Manchester )
Alt und neu nebeneinander.  Manchester hat sich von einer darbenden Altindustriellen Stadt zu einer vitalen Metropole mit viel Zulauf entwickelt und hat mittlerweile als zweitwichtigste Stadt noch vor dem viel größeren Birmingham, die Nase vorn.
Allerdings, nachdem ich ja den direkten Vergleich machen konnte,  bin ich eher der Meinung beide Städte liegen gleichauf.
Hier ragt der neue, 169 Meter hohe Beetham Tower neben 160 Jahre alten Ziegelbauten in den Himmel.

England / Manchester

Am nächsten Morgen wundere ich mich wie gut ich dennoch schlafen konnte. Hatte gestern Abend ja etwas bange, dass mir nächtens der Hals dicht wird vor Gestank.  Doch ein sauberer Socken über Mund und Nase, scheint mich vor Schlimmeren bewahrt zu haben.
Ich Lüge dass ich schon heute wieder weiter muss; habe es eilig, da ich einen Job im Internet fand der in der City zu erledigen ist…
Sam wiederholt sein Angebot so lange zu bleiben wie ich es wolle, doch beim besten Willen, ich stieg über die Katzenscheiße hinab, und verschwinde in die frische Luft.

Na, jetzt beibt wieder mal das Hostel übrig.  Habe ja noch etwas Geld.
In Hatters Hostel finde ich auch ein freies Bett und freue mich über den sonnigen, warmen Tag hier und jetzt in Manchester.

Spannend ist es hier allemal,  an diesem Ort wurde die Industrie erfunden, die erst England, dann den ganzen Kontinent zu dem machte, was er heute ist.
Manchester, vor 300 Jahren noch ein Dorf, konnte von seinen Flüssen und Bächen ringsherum,  profitieren;  einst mit Wasserkraft -also mit Wasserrädern angetrieben,  gründeten sich hier die ersten Manufakturen,  die berühmten Textielfabriken die ihrer Zeit nahezu die ganze Welt mit Tuch, Kleidung und Stoffen versorgte.
Noch heute werden diese Fabriken “Mills” genannt, da es sich lange Zeit um Wassermühlenwerke handelte, bis später dann die Dampfmaschine (in Birmingham) erfunden wurde, welche die Wasserkraft ablöste.

Es musste damals vor 250 Jahren ein gewaltiger Umbruch gewesen sein; Überall in Mittelengland wuchsen die ehemals kleinen Bauersiedlungen zu riesengroßen Industriestädten heran.  Manchester und Birmingham waren voller ziegelroter Fabriken,  die mit ihren gezackten Dächern und den vielen Kaminen ein völlig neues Bild in der Geschichte der Menschheit zeigten; England erfand die Industrie,  die Massenfertigung mit ihrer bekannten Ästhetik rauchschwarzer Himmel über den Arbeitersiedlungen, die trist und eintönig die Großfamilien der ausgebeuteten Arbeiter eine enge Unterkunft boten.
Noch heute sehe ich überall hier diese kleinen Wohnungen,  längs der Straßen dicht an dicht, wo einst bis zu zehn Familienmitglieder ihr Dasein zur Zeit der “Ersten industriellen Revolution” fristeten.

Auch die Fabriken,  heute natürlich seit gut hundert Jahren nicht mehr in Betrieb,  stehen noch teilweise im Stadtbild herum.  Oft verwildert, meist als Garage oder Werkstätten benutzt,  wechseln diese alten Zeugen einer bahnbrechenden Zeit mit modernen Gebäuden aus Glas und Stahl.
Manchester hat viel durchgemacht, noch in den 70er Jahren, wo der industrielle Niedergang wieder mal einen Höhepunkt erreichte, waren hier gut 60 % Arbeitslos.
Alles hier war finster, die Städte schrumpften und darben vor sich hin. Halt das in Deutschland alt bekannte Bild einer tristen, Englischen Stadt.
Heute aber ändert sich das sehr; schon seit einem Jahrzehnt wird überall gebaut. Mittlerweile sieht es hier im Zentrum aus wie in allen Millionenstädten: Hochhäuser,  Verkehrskollaps, Mac Donalds und aufgetakelte Partymäuse überall.
Möglich macht das die neueste Entwicklung in der Geschichte dieses Landes: Die Finamzindustrie, dem Märchen vom geliehenen Geld was nahezu grenzenlos zur Verfügung steht…
Jedenfalls hat das schon sein Gutes, ich spaziere hier durch eine Stadt wie sie wohl größer und lebendiger nie gewesen ist.
Doch ob es immer so weitergehen soll, immer mehr Geld -mittlerweile aus Quellen ohne objektiver Wertschöpfung, da England kaum noch nennenswerte Industrie besitzt,  ins System zu pressen, immer mehr Geld einfach zu drucken,  das wird sich zeigen im ständigen auf und ab, im wechselbad der Geschichte dieses großen Landes….

England / Manchester

Heute bin ich wieder verabredet,  diesmal mit Sam den mir Manfred aus York empfohlen hat. Ganz konventionell im Bus, mache ich mich auf dem Weg, wieder nach Norden. Doch ob per Anhalter oder sonstwie, zuverlässig kommt man hier nicht weg; Birmingham,  ein riesiges Geflecht aus Großstädten,  kollabiert soeben im Feierabendverkehr. Nichts geht mehr,  der Bus schafft gerade mal 20 Kilometer innerhalb der Stadt in über eine Stunde.
Ich ahne mein Treffen heute nicht pünktlich einhalten zu können;  Sam wartet um 18:45 am Flughafen in Manchester-Süd auf mich, weil da der Bus plangemäß eintrifft.
Doch auch auf dem Motorway (so heißt hier die Autobahn) über Stoke on Trent nach Manchester,  gerade mal 120 Kilometer,  geht garnichts mehr. 35 Millionen PKWs, hat dieses Land und scheinbar alle sind zugleich unterwegs.  Katastrophe.

Trotzdem treffe ich meinen Gastgeber nach anderthalb Stunden Verspätung am vereinbarten Ort. Sam hat einfach gewartet,  mich nicht hängen lassen, wobei ich noch nicht einmal ein funktionstüchtiges Handy habe um ihn zu unterrichten,  das ich später komme….

Wir fahren zu ihm nach Hause in einer der Endlos-Vororte der Millionenstadt,  finde mich vor einem Reihenhaus wieder, Sam öffnet die Türe und mich trifft der Schlag: Gleich das erste was ich zu Gesicht bekomme, ist dieses Katzenklo, lediglich aus einer großen Schale bestehend die schon ganze Ewigkeiten keine Reinigung erlebt haben dürfte;  mittlerweile türmen sich die Hinterlassenschaften dieser zotteligen Katze darin, die Luft ist zum schneiden dick. Ich denke nichts, laufe einfach die Treppe hinauf und lass das Schicksal auf mich zukommen….

Irgendwie verdränge ich dann den beißenden Geruch, lege mich auf meine Luftmatratze neben Sams Bett und überlege wie ich hier wieder rauskomme; unterhalte mich noch etwas,  ohne aber mich zu beschweren,  er würde es wohl nicht verstehen,  denke ich.
Einige Biere später gehts schon besser, auch das liebe Tierchen, dem hier all der Ungemach zu verdanken ist, scheint mich recht gut zu mögen;  Miez schnurrt und kuschelt wich an mich, während ich Sam von meinen Abenteuern erzähle.

England / Birmingham

Heute an diesem Mittwoch, verlasse ich nun Birmingham,  zwar erst gegen Nachmittag nach Manchester, aber schaue auf echt spannende Tage zurück.
Ich danke John dafür,  daß er mir seinen Arbeitsplatz,  die Uni-Birmingham zeigte;  wohl die tollste Uni die ich jemals sah: vor hundert Jahren größtenteils errichtet und immer zeitgemäß ergänzt,  fand ich eines der großartigsten Ensembles europäischer Baugeschichte vor; Viktorianische, sowie italienische Elemente,  wie der grandiose, florentinische Urturm in der Mitte, machen einfach Spaß hier umherzuschauen. Wenn da nicht dieses permanent diesige Waschküchenwetter wäre,  was einen klaren Blick verhindert…
Bin ja nunmal in  England.
Jaja, England, wo alle hin wollen…. Schon im Hostel stellte ich fest, dass dort gut 90% der Gäste,  Studenten auf Wohnungs oder Jobsuche sind, während ich ja schon Aufsehen erregte als einziger “Traveler” mit meinem großen,  bunten Rucksack.
Überhaupt werden die billigen Hostels neuerdings fast vollständig in den großen Städten von Studenten belegt, und das nahezu dauerhaft; heute scheint es irgendwie schon zwingend vorgeschrieben zu sein, ständig an wechselnden Orten (Unis) zu studieren,  mit der Folge ständig umherrrennende, nie wirklich sesshafte Studenten in all den Metropolen der Welt zu finden.
Während ich in meinen Landkarten stöberte,  meine Schnupfnase kurierte, wuselten sie um mich herum im Hostel, die ständig gehetzten Studenten, ständig auf der Suche nach einem noch billigeren Zimmer, den günstigsten Handytarifen, den nächsten Job, und irgendwie dazwischen noch ein Billigtiket nach Australien schnell,  um dort noch eventuell ein Stipendium zu ergattern…. leit mir die Bank noch das Geld? Fragt sich so mancher in der Schar hypermobilisierter Gejagter, die dem Wahn immer bessserer Lebensläufe und internationalen Zeugnissen hinterherrennen.

Was für eine Welt, alles vermischt sich mit allem, Nottingham ist voller Chinesen, Pakistaner und Afrikaner überfluten Birmingham,  Studenten überall,  aber nur nie Zuhause. Die Saudis schicken ihre überforderten Söhne auf die schicke Universität nach England,  wo sie die dreifache Studiengebühr von gut 9000 Pfund je Semester berappen.
Ja wie macht ihr denn das alles, fragte ich eine Studentin im Hostel; viel höhere Mieten als in Deutschland,  höhere Studiengebühren, höhere Lebenshaltungskosten,  aber keine höheren Durchschnittslöhne…
Sie versucht zu antworten,  liest noch hastig eine sms und sagt: Ich weiß es nicht,  ich weiß nicht wie es zu schaffen ist.
Aber bisher hat es einfach irgendwie funktioniert.

Ich packte meinen Rucksack und zog wieder los ins Wanderleben.

England / Birmingham

Immernoch in Birmingham, treffe ich nun meine lieben Gastgeber John und Olli, die mich für die nächsten zwei Tage hier beherbergen.
Mittlerweile gehts mir wieder deutlich besser,  nur die Nase bleibt ständig dicht, muss bittere Pillen schlucken,  komme aber zurecht.
Birmingham, Englands zweitgrößte Stadt die bei uns eher weniger bekannt ist, hat deutlich mehr zu bieten als ich dachte;  hier fing damals die erste industrielle Revolution mit der Erfindung der Dampfmaschine an, Kanäle quer durch die große Stadt,  länger als jene in Vendig, zeugen von einer großen Vergangenheit, die hier allgegenwärtig an alten, prunkvollen Industriegebäuden zu erahnen ist.
Englands gewaltiger Aufstieg im 19ten Jahrhundert hatte hier seinen Anfang genommen; zusammen mit Manchester wuchsen Birmingham zu einer echten Metropole heran; 2, 5 Millionen Menschen leben in und um die Stadt, die somit so groß wie Hamburg ist.
Auch große Phantasiewelten fanden hier ihren Anfang: John Ronald Tolkien, der Erfinder einer der berühmtesten Märchen unserer Zeit, dem Autor vom “Herr der Ringe” lebte hier und ließ sich in Birmingham inspirieren; John, ein Fan der Story,  hatte mir empfohlen entlang des River Cole zu spazieren, jenem städtischen Erholungspfades, entlang des kleinen Flusses, mit weiten Wiesen und Bäume,  wo die Idee von den Hobbits und Mittelerde, während den Spaziergängen Tolkins erfunden wurde. Irgendwann vor sechzig Jahren mal… und hier folgte ich dem Rat meines Gastgebers, und wandelte durch die Vorwelt des “Auenlandes” – wenn auch die Umgebung mittlerweile viel urbaner daherkommt…

Dennoch wirkt Birmingham alles in allem, eher Gesichtslos. Einfach nur riesengroß,  ohne die markanten Punkte die man von solchen Metropolen ja gewöhnt ist.
Hier leben einfach nur viele Menschen im Moment, Menschen aus allen Ländern der ehemaligen Kolonien dieses -ehemals sehr großen Landes.
Das merke ich besonders hier, entlang der kilometerweiten Stratfordroad, dwm “Klein Pakistan” wie es hier heißt,  und tatsächlich finde ich mich hier mitten zwischen Basaren, Langbärtigen Männern in Lungis (eine Art Rock) und einem unglaublich exotisch, bunten Treiben wieder.
Hier tobt das Leben wie in Karachi oder Lahore, die einfachen Esslockale servieren scharfe Reisgerichte,  für die ich keine drei Euro aufbringen muss.
Was für eine Erfahrung hier mitten im Herzen Englands….

England / Coventry / Birmingham

Wie erwartet kann so eine Nacht, in verschwitzten Klamotten auf dem Boden eines Parks liegend, umgebend von pöbelnden Besoffenen, keine wirkliche Erholung sei ; diffuse Albträume tuen ihr Übriges.
Ich mache mir noch eine Flasche Bier auf, esse gut und putze mir sogar noch die Zähne.
Nach einer Stunde einigermaßen normalen Schlafes aber, muss ich fluchtartig meine Sachen zusammenkramen und nur noch laufen…. Regen hat eingesetzt u d ich flüchte mich zu einem Toilettenhaus, wo ich dann die weiteren Stunden im Schutze des Überdaches ausharre, bis es wieder hell wird.

Irgendwann passiert das auch und ich stelle fest,  welch Kräfte in mir so schlummern. Fühle mich eigentlich recht normal, bin zwar extrem abgekämpft, halte mich aber für “fit” genug, heute nach Birmingham aufzubrechen, Englands zweitgrößte Metropole, wo es garantiert Hostels gibt, deren Betten sicher keine 80 Pfund kosten…

So sei es auch, Birmingham liegt nur eine halbe Stunde von diesem schrecklichen Coventry entfernt, meine Recherche bei Mac Donalds (hier gibt es offenes WiFi) ist erfolgreich,  in Hatters Hostel finde ich bald ein Bett im Zwölferraum, zwar für unverschämte 25 Pfund, aber ich kann jetzt einfach nicht anders.

Mittlerweile bin ich sogar noch krank geworden;  eine Stirnhölenentzündung schreitet in riesen Schritten voran und droht mich nun total fertig zu machen.

Wieder kann ich nicht schlafen,  aggressive Hustenattaken und extremer Schnupfen sorgen für viele wache Stunden im Hochbett gegen Nachmittag.
Ein Gang zur Apotheke mit wackeligen Beinen, durchschwitzten Klamotten und einem Blick der einem Zombie gleicht, schaffe ich auch noch.
Für die anschließende Nacht aber, kann ich ganze vier Stunden Schlaf verbuchen; kräftiges Nasenbluten sorgte Nachhaltig für weitere Aufregung und garantierter Nichterholung. Dazu ständig besetzte Toiletten, permanent (nacht)aktive Mitbewohner im Zimmer, und so weiter…

Sorry, aber leider habe ich nichts besseres zu erzählen im Moment. Am liebsten würde ich jetzt einfach kurz nach Hause fahren. .. aber schon bald geht’s mir wieder besser,  so wie jetzt, wo ich nun an diesem Sonntag immernoch im Hostel sitze und mich kuriere. Einfach rumsitzen, garnichts machen, versuchen zi schlafen.  Die Tabletten wirken und morgen bin ich schonwieder eingeladen hier in Birmingham.
Auch gute Nachrichten finden sich wieder ein: Die Nacht von Sonntag auf Montag kostet komischerweise hier nur 12 Pfund… also nur 40% vom deutlich teureren “Wochenendtarif”.
Ja, machen die den hier alles was sie wollen …?

England / Coventry

Etwas benommen beobachte ich vom Bus aus die Stadt Coventry,  die im Vergleich ziemlich schrullig daherkommt;  überall alte, braune Ziegelhäuser, Pakistaner und Araber prägen mit ihren bunten, unsortiert aussehenden Geschäften die ganze Straße hinein in die Stadt. Dort im Zentrum erinnert mich die Umgebung an meine alte Heimat,  dem Ruhrgebiet.
Wie in Gelsenkirchen finde ich eine ganze Innenstadt im Baustiel der sechziger Jahre vor, nur das hier etwas mehr Müll rumliegt. Besoffene Polen pöbeln nebenan…

Aber ich fühle mich nicht unwohl hier, da in so einer Stadt sicherlich die Zimmer günstig sind. Wer will schon hierher ins Hotel, denke ich.
Doch logischerweise gibt es erstmal kaum Unterkünfte, lediglich ein Hotel für mindestens 80 Pfund fürs Zimmer, finde ich entkräftet vor. Ausgebucht. Und das über viele Tage.
Fast schon kriechend klappere ich zwei weitere Adressen, die ich zuvor im Internet fand, ab. Ohne Erfolg,  das ABC Motel existiert wohl nicht mehr, genauso wenig eine weitere Adresse für Studenten,  wo auch reguläre Personen eintritt haben… lediglich verwaloste Hauseingänge, voller Zeitungspapier und Ketten an den Türgriffen, zeigen mir das dieser Tag zu einem völligen Desaster wird.
Nur mit unmenschlichen Mühen, treibe ich meinen ausgemergelten Leib zum anderen Ende der Innenstadt um eine letzte Adresse zu überprüfen.
Das Hyden Hotel existiert zumindest, ist aber trotz seiner 85 Pfund (100 Euro) teuren Zimmer auf Wochen ausgebucht, sagt mir ein wölfisch aussehender Inder an der Rezeption.
Ich stehe kurz vorm Kollaps.
Flehe den Mann an mir irgendwie zu helfen, eine Adresse zu finden wo ich heute Nacht  nur schlafen kann…

Und siehe da, wieder am anderen Ende der Stadt, diesmal aber einige Kilometer gibt es sogar ein Zimmer für 39 Pfund.
Das Taxi dorthin würde 10 Pound kosten, also  insgesamt immernoch billiger als hier.

…. Eine ganze halbe Stunde dauert aber das Prozedere, zwischendurch immer wieder verzögert wegen Hotelgäste die meinen Helfer blockieren.
Aufeinmal aber sagt man mir, das Zimmer koste jetzt 59 Pfund. Ich willige ein, sage noch, eh keine Wahl zu haben.
Dann ruft er endlich das Taxi, ich frage nach dem endgültigen Gesamtpreis,  bekomme einen Wust von Antworten,  erzählt was von drei gebuchten Nächten…
Dem Umfallen nah, frage ich nochmals warum die Zimmerpreise immer höher werden,  warum aufeinmal drei Nächte ?

Ich flüchte.

Schnellen Schrittes sprinte ich in den gegenüberliegen, dunklen Park, laufe wie ein aufgescheuchtes Huhn zwischen Bäumen und gepflegten Rasen umher… mir ist klar geworden, dass der schmierige Typ an der Rezeption meine Not eiskalt ausnutzen wollte, um für seine “edle Zimmermann” eine satte Provition einzustreichen. Sein Spiel über die Zeit war zu eindeutig, und ganz zufällig der andere Gesprächspartner ebenfalls Inder; beide sprachen in Hindi und verhandelten den Wucherpreis für mich.

Ich kann nu  wirklich nicht mehr. Wollte ja sogar bezahlen,  aber selbst sowas funktioniert hier nicht wirklich.
Somit lande ich nun zum ersten man “auf der Straße”, lege mich neben einer Hecke auf den Rasen und versuche endlich, endlich zu schlafen….

England / Leicester / Earl Shilton

Nur wenig später treffe ich in Leicester ein, das im deutschen wie “Lester” gesprochen wird.
Hier wird wieder klar, wie international dieses Land ist; Leicester, eine Stadt mit 340.000 Einwohner,  ist der erste Ort dessen Nichtenglische Bevölkerung die Mehrheit bildet.
Vornehmlich aus Pakistan und Indien stammen die meisten hier, aber auch Afrikaner sieht man überall.
Die Zukunft dieses Landes – sowie von dwn meisten Teilen Europas,  sieht so aus; Menschen aus Indien, China und Afrika werden auch in Zukunft massenweise kommen, da selbst in sogenannten “ Kriesenzeiten” hier, der Lebensstandard viel besser ist als in den Heimatländern.
Ich jedenfalls,  erfreue mich an den vielen Dönerläden, Chinastores und indische Tante Emmaläden, mit ihrer typischen Betriebsamkeit.
So findet sich auch mitten drin ein Hare Krishna Zentrum, dessen bunte, umfangreiche Homepage ich schon vor Wochen bewundert hatte.
Welch imposanter Tempel möge dort in Leicester erstrahlen,  dachte ich, und stehe nun vor einem winzigen Büroverschlag mit trüben Fenstern und defekter Klingel.
Na toll, das war nu  meine große Hoffnung.  Draußen vor der Stadt gäbe es ja noch eine Farm, ganz ähnlich wie jene in Lasmahagow, wo ich vor Wochen lange Zeit blieb.
Doch jetzt ist niemand hier umd eine Adresse für die Farm, gibt es selbst im Internet nicht zu finden…

Mein größtes Problem aber ist die permanente Müdigkeit.  Jetzt noch irgendeinen von denen zu suchen, schaffe ich jetzt nicht mehr.
Immerhin würde ich bei den Hare Krishnas herzlich empfangen,  man wisse um meine Verdienste von der Farm in Schottland,  und bin ein “Freund Krishnas”.
Doch heute wohl eher nicht. Ich beschließe erstmal die Stadt zu verlassen, nehme den Bus nach Earl Shilton, einem Dorf zehn Kilometer außerhalb,  wo ich einfach mein Zelt irgendwo dort aufbauen will um dann ewig zu schlafen.

Bor Ort dann, aber geht die Ochsentour immernoch weiter;  nach langem umherziehen auf der suche nach einem Bauernhof,  erfahre ich dort nur kalte Ablehnung.  Auch eine gute Stunde später, nachdem ich einen weiteren Hof finde, schickt man mich ohne Mitleid in die Wüste.
Entweder ich habe heute einfach nur biel Pech, oder die Engländer sind fürchterlich Ungastlich. Ja selbst die Landschaft ist dermaßen dicht, dass ich keine Chance habe über die allgegenwärtigen Weißdornhecken aufs Acker zu springen,  wo ich dann zelten könnte.
Doch auch die vielen Schilder mit blutrünstigen Hunden drauf, sprechen die klare Botschaft,  hier nicht willkommen zi sein.
Ich bin am Ende.
Der Rücken schmerzt entsetzlich unter der Last meiner schweren Taschen… ich bin verschwitzt und fühle mich grauenhaft.
Weiter über elend lange Pfade, umgeben von korrekt gestutzten Dornenhecken, schleppe ich mich von diesem Gottverlassenen Landstrich zurück in den Ort Earl Shilton um nur noch den nächsten Bus in die Stadt zu nehmen….
Coventry ist groß,  dort werde ich nun in ein Hotel gehen. Geld spielt keine Rolle, ich kann jetzt einfach nicht mehr….

England / Leicester / Coventry

Oh Mann, was für heftige Tage…
Schon um fünf Uhr morgens musste ich Andys Haus in Nottingham verlassen,  da er nach Deutschland fliegt.
Ich hingegen habe jetzt Zeit satt um den noch garnicht erwachten Tag hier in Nottingham zu begrüßen,  wozu ich allerdings gern sehr viel fitter sein würde.
Der Schlafmangel liegt mir mehr und mehr in den Knochen,  versuche in einem Park auf einer Bank vielleicht etwas zu schlummern,  aber es ist einfach zu kalt hier.

Mittlerweile wieder im hellen Morgenschein eines wieder tollen Tages, erfreue ich mich der Sonne, die alles ein bisschen erträglicher macht. Bin müde ohne ende und plane heute ganz besonders früh einen Schlafplatz zu finden.
Den wähne ich in Leicester, der nächsten Stadt südlich von Nottingham, und zahle fünf Pfund am Bussteig und verlasse diese interessante Stadt.

Nottingham ist bei uns halt aus der Robin Hood Erzählung bekannt, und tatsächlich ein alter, wichtiger Ort hier in Mittelengland, mit einer riesengroßen Universität,  ( wo es offensichtlich mehr Chinesen gibt als sonstwas )  und einem gewaltigen Angebot an Läden,  Bars und alles was eine echte Großstadt so braucht.
Selbst der zentrale Marktplatz mit der großen Cityhall, die ein bisschen wie das Capitol an Washington erinnert, ist mit seinen asymmetrischen Riss aus mehrfarbigen Granit, ein gelungener Treffpunkt,  der auch von der einheimischen Jugend voll angenommen wird.
Ich sitze hier und füttere verbotenerweise die Tauben, freue mich über den großen Brunnen mit seinen künstlichen Stromschnellen,  Fontänen und spiegelnden Wasserflächen,  die etwas nach Chlor riechen. Irgendwie erfrischend das ganze.