England / York

Morgen ist es dann wieder soweit: Ich ziehe weiter, diesmal dann ins berüchtigte,  böse London, jener Stadt die einem jeden Cent aus der Tasche zu saugen vermag…
Dort aber gehe ich gerade deshalb hin, um eventuell etwas Zuverdienst zu erreichen.
Wieder ist es eine Hare Krishna Farm wo ich mein Glück versuche, am Stadtrand der Metropole gelegen.

Morgen dann verabschiede ich mich endgültig von meinen lieben Freunden hier in York.

England / Whitby

So… musste das schreiben unterbrechen,  da Manfred mit mir quatschen wollte, und beides, schreiben und unterhalten ist nicht leicht.

Also ich traf diesen Tom in der Fußgängerzone von Whitby der auf dem Boden sitzend, mit einem großen Stück Pappe vor sich liegend, auf dem stand: Walking to Tibet, – need Moneys for food…
Dazu allerdings ein furchteinflößender Überbeißer neben ihn, der alles andere als Sympathisch rüberkommt.
Dennoch -wir kommen ins Gespräch,  zeigt Tom mir stolz einen mit bis zum Anschlag gefüllten Plastikbeutel, – mit Pfundmünzen.
Insgesamt 80 Pfund hat ihm die “Betteltour” eingebracht, wesentlich mehr als man wohl zum Leben braucht, denke ich.

Wobei sein Vorhaben recht naiv klingt, mit einen ultraschweren Rucksack in Übergröße,  klobigen Boots als Wanderschuhe und eben diesem Monsterhund, der ihm allerdings jegliche Gastfreundschaft in die Häuser längs des Weges unmöglich macht, kommt er gut über die Runden.
…. Zumindest hier in Mitteleuropa, denn Tom hat seinen Ausweis verbrannt, ganz in Manier des konsequenten Aussteigers, weshalb ich gespannt bin wie er das in all den Ländern schaffen will so ohne Pass…. Ich gab ihm meine Kontaktdaten und hoffe mal auf ein Wiedersehen; nach Tibet führt mich das Wanderleben ja auch mal irgendwann.

Aber sollte mich mal das finanzielle Fiasko völlig einholen, weiß ich jetzt wohl, wie man an den Euro/Pfund/Dollar – oder sonst was, drankommen könnte.

Ansonsten aber kann auch ich mich momentan nicht wirklich beklagen;  heute bin ich zu Gast bei Tim und David in deren kleines Hotel, darf echten 4 – Sterne Komfort genießen und bin hier an der wunderbaren See.
Es klappt wieder mal super heute…

England / York / Whitby

Die Zeit vergeht und ich möchte noch kein bisschen weiterziehen…. Von gestern auf heute war ich zwar unterwegs, fühle mich aber schon etwas “sesshaft” hier in Manfreds WG.

Oh mann, wieder habe ich ganz tolle Sachen erlebt; in Whitby wurde ich glatt in einem vier – Sterne Hotel eingeladen,  dort kostenlos zu nächtigen. 
Whitby ist ein kleiner Hafenort ungefähr 100 Kilometer von York entfernt,  gelegen an der Englischen Nordsee, die aber auch hier genauso Graubraun aussieht wie bei uns.
Doch ich möchte noch ein mal das Meer sehen, schließlich befinde ich mich ja auf einer Insel und Whitby, ein allerdings völlig überlaufenes Touristenkaff, liegt da einigermaßen günstig.

Doch wie kommt es dass dermaßen viele Besucher den Ort verstopfen ?

Ganz einfach, hier stach einst James Cook in See, hier wurde (natürlich unabhängig davon) die Drakula Story erfunden, und zudem liegt oben auf der Klippe noch eine uralte, halb zerfallene Abtei, was nahezu in Scharen meist gutbetuchte  Britische Rentner aus ihren Reisebussen von “National-Tours” anlockt.

Zwischen all dem Gewusel fotografierender Großtanten, bahne ich meinen Weg durch bunte Gassen voller Souvenirläden und treffe dort etwas Bemerkenswertes, was mein Denken und planen vielleicht ziemlich nachhaltig beeinflussen könnte….

England / York

Da bin ich nun wieder: Bei Manfred dem Sauerländer in York. Ein Kreis schließt sich und ich habe beschlossen hier nun für einige Tage zu bleiben.
Hier gehts mir gut und habe fast das Gefühl schon dazugehörig zu sein. Manfred schrieb mir einmal, es sei irgendwie so leer nachdem ich wieder fort war. Wobei  sie hier schon zu dritt in einem 170 Jahre alten Reihenhaus leben, treten wir uns hier kaum auf die Füße.  Es ist Platz für alle da und wieder hane ich mein eigens Zimmer, ganz oben im eigenen, großen Bett.

Ja, ich änderte meinen Reiseplan. Der Grund ist einfach das Klima, da nun der Herbst sich in Riesenschritten nährt,  und der ist hier oben auf der Insel wirklich garstig.
Statt nach Wales und Cornwall zu reisen, pausiere ich lieber noch etwas in York, genieße hier die Zeit bei schönsten Wetter mit den drei Lieben die jeweils so unterschiedlich drauf sind.

Manfred freut sich schon über meinen Ruhrgebiet-Akzent, da er schon fast 30 Jahre hier lebt, Onanda sein “Geliebter” der 205 cm hohe Kenianer, wohnt schon einige Jahre hier, darf aber nie arbeiten wegen scharfer Einwanderungsgesetze, weswegen Manfred für ihn noch komplett aufkommen muss.
Und dann noch Gordon, der einzige wirkliche Engländer in der Runde, der 43 Jahre in einer der traditionellen Yorker Schokoladenfabriken gearbeitet hatte und nun den ganzen Tag vor der Glotze hängt,  wie sich Manni so schon darüber aufregt…
Gordon ist nämlich sein “Mann”, Freund oder Lebenspartner. So genau ist das garnicht klar hier, aber alle drei scheinen irgendwie zu funktionieren.
Nicht zu vergessen der pummelige Fridolin mit den kurzen Beinen, ein echt witziger Wauwau.

Eine wirklich (!) Liebenswerte Wohngemeinschaft.

England / Manchester

Bei Thomas sieht es zwar auch aus wie nach einem Atomschlag, doch die Luft hier ist nicht dermaßen zum schneiden wie noch bei Sam.
Komischerweise sind englische Wohnungen oft ziemlich durcheinander, zumindest gemäß meiner Erfahrung hier im Lande.
An diesem Tag, einem Samstag, gehts weiter nach Liverpool, einer wichtigen Stadt in der Nähe;  Liverpool wuchs einst als Hafen für all die neuen Industriestädte im Landesinneren heran,  und vor allem wegen des sehr einträglichen Sklavenhandels vor 300 bis 170 Jahren.
Das machte den Ort am Meer unglaublich reich, was man auch sieht. Im Gegensatz zu Manchester, was auch im sämtlichen Kriegen – besonders im zweiten Weltkrieg, nicht dermaßen zerstört wurde, so dass noch viel an historischer Bausubstanz erhalten blieb.

Schon früh erreiche ich mit dem Bus Liverpool wo ich auch schon verabredet bin. Allerdings -mittlerweile organisierte ich mir eine Telefonnummer und ein Handy, werde ich gerade bitterböse versetzt: ” Sorry, chance my plan for today, i can’t host you. Sorry…”
Das schlägt ein…. somit hänge ich jetzt auf der Straße,  hier inmitten der Menschenmassen eines Samstagmittags im Zentrum einer Metropole.
Weder möchte ich jetzt Stunden mit der digitalen Suche nach einem Bett bei Mac Donalds WiFi-Sevice verbringen,  noch werde ich nicht wieder die Sache mit meinem Portemonnaie lösen.  Zu teuer sind die Hostels heute an diesem schrecklichen Samstag, wo jedes Stadtzentrum aus allen Nähten zu platzen droht, da die saufeden Tagestouristen aus dem Umland jedes ferfügbare Bett belegen, Jungesellenabschiede, Firmenbelegschaften und Studentenhorden auf Alkoholjagd sorgen für ein Bettpreis von sagenhaften 25 Pfund, da diese ja soooo begehrt sind. Uff… da spiele ich nicht mehr mit.
Also Plan B ist angesagt, ich nutze den schönen, sonnigen Tag um etwas von der Stadt noch zu sehen; mit schweren Gepäck schreite ich durchs Zentrum mit seinen ausgedehnten Einkaufsstraßen,  alles hypermodern in Glas und Stahl auf dem neuesten Stand gebracht.
Auch die Hafengegend, einst fürchterlich heruntergekommenen,  heute blitzblank im neuen Schein erstrahlend, zeigt mir das Liverpool wieder da ist.
Noch in den 70er Jahren befand sich Liverpool auf dem Tiefstand seiner Geschichte;  unglaubliche 90 % Arbeitslosigkeit soll es hier gegeben haben, und das in einer Stadt dessen Hafen mal der mächtigste dieser Welt war: 40 % des gesamten Welthandels wurden um das Jahr 1800 über Liverpool abgewickelt; England, damals die Werkbank und Zentrum der Welt, produzierte nahezu alles für seine Kolonien,  Textilien aus Manchester, Getreide und Stahl aus Sheffield. Alles über diesen einen Hafen.
Und noch heute blicke ich auf die mächtigen Fassaden alter Prunkgebäude im Hafen. Auch der gewaltige, stumpfe Viererturm der kolossalen Kathedrale in der Ferne beeindruckt sehr.
Liverpool scheint eher wie eine Hauptstadt auszusehen,  ein Regionalhaupstadt einer großen Zeit im damals mächtigsten Land der Welt.
Im Gegensatz zu Manchester wirkt Liverpool  großartiger, mit mehr Identität.  Nicht zuletzt auch wegen seiner jüngeren, musikalischen Geschichte; hier gründeten sich um die sechziger Jahre die Beatles.
So viel Geschichte an einem Ort….

Aber meine Zeit ist schonwider vorbei, ich muss den halben verbleibenden Tag wie üblich für die Organisation meines künftigen Schlafplatzes verplempern. Heute dann für die Busfahrt nach York, wo ich jederzeit bei Manfred,  Onanda und Gordon wilkommen bin. York, die freundliche Stadt wo ich einst so gut zu untergekommen bin und wirklich Freunde fand.
Das kommt mir jetzt wirklich zugute. York ist nur etwa 100 Kilometer weit und dort fahre ich jetzt hin; Busse verkehren hier in England permanent. Ein Glück.

Die spannende, schöne Stadt Liverpool zieht am Fenster des Linienbusses vorüber,  hier konnte ich heute leider nicht bleiben….
Zumindest konnte ich aber einen kleinen Eindruck gewinnen.

Juhuuu, ich fahre jetzt wieder nach York….

England / Manchester

Das Hostel hat nur 15 Pfund gekostet,  zusammen aber mit all dem Essen bin ich schonwieder 25 Pfund losgeworden.
So allmählich schwinden meine üppigen Reisegroschen aus Schottland, jene milde Großspende in Anerkennung meiner Arbeit auf der Hare Krishna Farm. Ja, so sparsam war ich bisher gewesen,  aber irgendwann ist mal schluss; nur ein dünnes Überbleibsel ist vom Batzen schottischer Banknoten übrig.
Ich muss nun wieder eine Couch finden, um jenes kleine Bündel zu schonen.
Statt wie immer in stundenlangen Internetsitzungen bei Mac Donalds WiFi, immer die vertraute Akustik einer geschäftigen Burgerproduktion im Hintergrund hörend, versuche ich mein Glück mal ganz praktisch,  im “Gay Village”, einem ganzen Viertel voller Schwulenkneipen hier in Manchester, wo eine Regenbogenflagge neben der anderen im lauen Wind des Milden Abends weht… dort treffe ich Thomas, der sich auch nicht lang bitten lässt,  mich mit Sack und Pack zu sich nach Hause zu nehmen.
So lande ich diesmal in einer großen Wohnung, die wie die meisten hier in der Stadt, von mehreren besiedelt ist.
Naja, so mittlerweile dürfte es dem lieben Leser meines Reisetagebuchs aufgefallen sein, dass ich so ziemlich garnicht bei weiblichen Gastbebern in letzter Zeit unterkam…. der Grund ist zum einen halt eine gewisse Scheu, mich als “Kerl” mal soeben ins Haus einzuladen. Anderseits geht sowas bei Couchsurfing, der gelobten Gastfteundschaftsplatform im Internet, durchaus, doch diese ist -wie ich ja schon beschrieben hatte, dem Kollaps nahe und nur selten hilfreich.
Somit surfe ich nun über den Regenbogen, mit dem Homo – Netzwerk “Planet Romeo” über die Couchen dieses Landes, was allemal besser funktioniert; einfach einloggen, schauen wer online ist umd anschreiben. Meistens bekomme ich schon nach Minuten eine Mail… und mit etwas Glück findet sich so eine kostenlose Übernachtung bei einer netten Schwester im Ort.