Italien  -Region Sardinien-  (16.11.2014)

So, einige Tage später finde ich mich hier wieder: Bei Rainer auf dem Lande, 20 km außerhalb von Cagliari, wo ich noch etwas bleibe.
Vorgestern hatte ich meinen Gastgeber nach langem “Digital Stress” treffen können; kein Internet, kein Handy….alle Akkus waren leer. Da halfen nur noch die Menschenmassen der Stadt, wo jeder ja gleich mehrfach erreichbar ist. Zwar musste ich lange betteln, (keiner will mir mal sein Handy leien….) doch es klappte irgendwann.

Rainer ist ein Landsmann, wurde in Huntsville (Alabama, USA) geboren, lebte lange in Deutschland bis er vor 22 Jahren nach Sardinien kam, -bis heute wo er nun entgültig Zuhause ist.

Zuhause sind allerdings auch sämtliche Katzen in seinem Haus, was sich beim überschreiten der Türschwelle wie ein Faustschlag ins Gesicht bemerkbar machte; Katzenklo total….
Zum Glück habe ich aber mein Zelt, und ein großer Garten passt dazu perfekt.
Bis heute nächtige ich noch in meiner “Villa Wanderleben”, auch wenn bereits der Chlorreiniger ordentlich geschafft hat und ich mich hier schon ganz wohl fühle; Rainer kocht gut und Vorgestern gab’s Hektoliter sardischen Rotwein, Liköre und alles andere was die Leber an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit brachte.
Den ganzen Tag gestern, lag ich faul danieder, der Kater war eine heftige Sache…. doch der Dauerregen gleichte den verlorenen Tag recht gut aus, heute bin ich wieder fit, die Sonne wechselt mit kurzen Schauern, 20 Grad.
In Genova und Milano schüttet es wie noch nie zuvor wie aus Containern…. Land unter in Norditalien, Sardinien liegt glücklicherweise weit genug weg….

Bis Mittwoch bleibe ich hier, dann soll gegen Abend das Schiff nach Neapel losmachen, meinem nächsten Ziel….

(Bild: Mein Gastgeber auf Sardinien; superfreundlich, sehr gesellig und perfekt “Sardisch” sprechend. Rainer kennt hier viele und somit bekomme ich echt authentische Einblicke in die Nachbarschaft.)

Italien -Region Sardinien-  (13.11.2014)

Und jetzt: Schnell ans Meer…
Oristano erreiche ich gegen Mittag um eins. Doch die 15 km bis zur Küste gibt’s erst nach der “Mittagspause” im Angebot; kein Bus fährt jetzt dorthin und überhaupt, alle Läden, alles was Leben ist erstarrt in Lethargie. Mein Gott, was für eine Ohnmacht…. der Fahrplan am Busbahnhof zeigt 17:00Uhr für den nächsten Lift zum Strand…. das wars dann wohl, und ich muss mich dann mal um einen Platz außerhalb der Stadt kümmern….
Immer das gleiche: Wo ankommen, sich informieren, Essen und Trinken beschaffen, feststellen dass es gleich wieder dunkel wird, Zeltplatz suchen….stundenlang rauslaufen ….
So auch hier; ich gönne mir eine Stunde Internet und scype mit Georg und Mama. Das tut so gut und muss einfach sein.
Wieder braucht es drei Kilometer um genug Freifläche, raus aus der 32.000 Einwohner-Stadt Oristano zu finden. Diesmal aber viel idyllischer auf einer riesengroßen Weide, südlich eines ausgedehnten Gewerbegebietes.

In der Nacht aber ballern Jäger durch die Luft. Offenbar ist Jagtzeit und ich schlafe wieder unruhig. Doch bald kehrt Ruhe ein…. ich lebe noch.

(Was ist ein Tag? Ich trinke hastig meine zwei Gläser Wein am Zelt, sehe gerade noch meinen Käse den ich mir für’s Sardische Fladenbrot zurechtschneide… dann ist das Licht aus. 16 Std Dunkelheit sind zu überdauern, Licht oder gar ein Feuer machen kann ich ja nicht, dann würde ja jeder sehen dass hier einer wild campt … hach, Camperromantik…. das geht wohl eher nur in Alaska…)

Italien -Region Sardinien-  (13.11.2014)

Eine lange und schäbige Nacht liegt hinter mir.
Dauerregen und Matsch sorgen für unruhigen Schlaf, lediglich ein kleiner Olivenbaum schützt mich etwas und gibt Deckung vor den Blicken bööööser Menschen…
Die scheint es hier wohl am ehesten zu geben; drei lange Kilometer lief ich gestern aus der Stadt, vorbei an ewigen, langweiligen Villenvirteln, die mit ihren hohen Mauern, Alarmanlagen und schweren, allgegenwärtigen Gittern überall, wie Gefangenenlager aussehen.
Da drinnen leben würde ich echt nicht wollen….
Tu ich auch nicht, und schreite durch den Regen bis irgendwo zwischen den Autobahnen, die sich um Sassari schnörkeln, wo einige wilde Grünstreifen allerdings so vermüllt sind, dass ich noch nichteinmal dort hinsehen mag. Andernfalls ist jede weiter Nische zwischen dem hohen Gras und Büschen sofort als Toilette für die Autofahrer in Benutzung; Taschentücher und schlimmeres überall…. mein Gott, müssen Menschen denn überall immer scheißen ???

Ich klettere notgedrungen über einen Zaun, schmeiße das dicke Gepäck rüber, alles voll Matsch. Egal, weiter….. ich suche in der Dämmerung nach Schutz, gehe bis zur hintersten Ecke und baue das Zelt auf.

In der langen Nacht höre ich permanent die Autos parken, da wo all der Müll ist. Luge aus dem Zelt und höre es plätschern…. die Leute pinkeln, pinkeln, und pissen…. keine 10 Meter von mir, lediglich von einem Zaun geschützt, fühle ich mich schon wie am Strand von Ajaccio, wo mal das Meer so nah kam, jetzt bedroht mich der Urin der mobilen Massen….

So schlimm ist es ja gottseidank nicht gekommen; endlich wird es wieder hell, packe das klatschnasse Zelt in mehrere Plastiktüten, bleibe mit dem Schnürsenkel im Maschendraht beim Rüberklettern hängen, und fliege Kopfüber in den Müll… zum Glück nur Plastikplanen, den Fuß noch immer oben hängend…

Zum Glück regnet es nicht mehr, und sogar die Sonne gleißt jetzt über die nassen Straßen Sassaris.
Ich fahre mit dem Zug nun weiter nach Oristano, 130 km südlich.
Dort will ich wieder ans Meer, will dort baden.

(Bild: An der Autobahn unter dem Olivenbaum. Meine Nacht in Sassari)

Italien  -Region Sardinien-  (12.11.2014)

Wenn, dann ist natürlich der Dom von Sassari das Wahrzeichen der Stadt, der ansich eher durchschnittlich, im Innern ja sogar schlicht wirkende Bau, prunkt allerdings mit seiner Frontansicht um einiges.
Dermaßen reichhaltig fand ich selbst in Rom nur wenige Kirchen in dieser Ansicht, die waren ja immer von innen so wundervoll überladen. Das ist in Sassari allerdings nicht der Fall.

Schnell fühle ich mich “fertig” und habe ein Gefühl für die Stadt bekommen, ich muss jetzt auch unbedingt los, 15:30 Uhr, noch eine Stunde Zeit um irgendwo vor der Stadt was zum Schlafen zu finden….. uuuufff…

Italien  -Region Sardinien-  (12.11.2014)

Bei meinen Streifzug durch die Stadt, mir bleiben nur eine Stunde Zeit, dann wird’s wieder dunkel…. sehe ich aber noch einiges von Sassari. Viel gibt es hier nicht unbedingt, überschaubar leigen die teils gassenartigen Straßen zueinander, von denen jede so authentisch schön ist, und noch so viel schöner wäre, wenn diese für den Autoverkehr gesperrt sind…. mitnichten, überall und durch noch die engsten Gassen, drängt sich permanent irgendeine Karosse….
Freies Innenstadt-Feeling ohne den (dort unnützen) Autoverkehr scheint auf Sardinien noch nicht angekommen zu sein.

Ganz klar aber erkenne ich im Gegensatz zu Norditalien bereits an der Bausubstanz den Unterschied der Mentalitäten; bröckelnder Putz immer wieder, ja baufällig schauen sie aus, die bis zu 500 Jahre alten Wohnhäuser in der Innenstadt. Doch aus ihnen tönt es, das volle Leben; Lärm, Musik und überlaut aufgedrehte Fernseher begründen warum die Straßen selbst so leer sind; hier im Süden der Republick dauert die Siesta so lang wie im tiefsten Spanien; vier Stunden weilt die heilige Ruh, das Land südlich von Rom dämmert unantastbar sein Recht daher, bis um fünf allmählich (dann ist es aber schon stockfinster) das Leben erwacht….

Italien -Region Sardinien- (12.11.2014)

Da bin ich nun gelandet, auf den Straßen von Sassari, auch wenn die garnicht so schlecht aussehen; die ganze Innestadt ist wunderbar gepflastert, mal mit alten, glatten Granitblöcken, dann wieder mit Kisel. …Soll ja sooo teuer und aufwändig sein, heißt es ja zu deutschen Landen, doch hier geht’s offenbar ganz problemlos, und sooo reich ist die Stadt nun auch nicht.
Im Gegenteil, Sassari liegt wohltuend unter dem Norditalienischen Preisniveau, da hier die Wirtschaft nicht gerade ihren Schwerpunkt hat. Sassari dürfte wohl überhaupt als die abgelegenste Großstadt Italiens gelten; ganz oben, in der nord-westecke der Insel Sardinien gelegen, und dazu noch irgendwo im Landesinnern, gilt die Stadt selbst unter Italienern als die noch Unbekannteste im Reich.
Mit allerdings 130.000 Einwohnern, die zweitgrößte Stadt Sardiniens, zieht sie trotz iherer Abgeschiedenheit sichtbar viele Zuwanderer aus Afrika an. Ich spreche mit Senegalesen aber auch Bangladeschern, die für immer hier bleiben wollen. Sassari bietet ihnen eine Nische, sie verkaufen Ramsch, betreiben kleine Läden und tingeln sich -wie überall in Italien- so durch den Alltag.

Doch ich wundere mich dennoch, dass gerade hier im fernen Sassari doch so viele von ihnen zu sehen sind.

Italien  -Region Sardinien-  (12.11.2014)

Weit ist es wieder, dieses neue Land südlich von Korsika; dreimal größer (24.000 Quadratkilometer) und fünfmal Einwohnerreicher (1,68 Mio Menschen), meine neue Welt in der ich jetzt eintauche.
Wie die Korsen sind auch die Sarden (Sardinen leben im Wasser nebenan) eine eigene Volkskultur: Ursprünglich ein Gemisch aus Nordafrikanern (Arabisch) Italiener und Griechen, finden sich heute die Menschen dieser großen Insel in eigenen Traditionen besser wieder als im allgemeinen Nationalen Italien der Gegenwart.
Allerdings streben -im Gegensatz zu einigen Korsen- die Sarden nicht nach Autonomie, die Insel versteht sich fast auschließlich als Teil von Italien; Rom liegt drüben auf der anderen Seite,  – wir hier. Das schafft auch kulturell Distanz und tut der Nation irgendwo gut.

Sardinien nennt sich gern selbst “Ichnoussa” (so heißt auch die erste Biermarke hier) und schon die alten Griechen nannten das Land “Sandalyon”, wegen seiner Form die einem Fußabdruck gleicht.
Und dieser Fußabdruck hat es auch in sich: Mit über 350 km Durchmesser von Nord nach Süd (meine Route) und 130 km von West nach Ost, erstreckt sich da eine ganz schöne Landmasse inmitten des blauen, warmen Mittelmeeres. Mit 1834 Metern ragt der höchste Berg zwar nicht so hoch hinauf wie noch jene in Korsika, überblickt aber ein weiteres Land mit kleineren Bergen und vor allem Hügeln, oft ungenutzt, wenn dann als Weidegrund oder in Natura als “Macchia”.
Macchia ist der übliche Begriff von Spanien bis Italien für den mediterranen, niederen Buschwald, der in diesen Ländern ein ganz typisches Markenheichen weiter Landesflächen ist. Auch gut für mich, hier kann ich immer gut versteckt zelten.

Mit Sassari erreiche ich dann auch die erste Stadt; mit 130.000 Einwohnern die Nummer zwei der Insel, im Norden gelegen, ca 12 km von der herrlichen Küste entfernt, versuche ich heute hier jemanden zu finden der mich aufnimmt; Mario, ein “Interessent” von einem Online-Netzwerk, verpasst mir aber kurzerhand eine Absage, toll…so fängt meine www Sitzung mal wieder gut an. ….Mario dachte ich sei als Tourist in irgendeinem Hotel … (hab ihm aber zuvor mindestens zweimal geschrieben, dass ich eine Couch in Sassari suche zum nächtigen…) naja, nur lesen sollte man schon seine Messages….*grummel*

Mal sehen, muss jetzt gucken wie ich außerhalb der größeren Stadt nun etwas Wildniss finde für mein Zelt…draußen (ich blicke aus dem Cafe hinaus) regenet es aber wieder in Strööööööömen….

Ok, ich führe zuende: Mit Cagliari (gesprochen: Kaliari) besitzt Sardinien auch eine (Regional)Haupstadt, die als Ziel für die nächsten 2-3 Tage ansteht. Dort wartet bereits Max auf mich, mit dem ich schon lang im Onile-Kontakt stehe, ein ausgewanderter Landsmann dem ich hoffentlich mehr vertrauen kann.

Cagliari hätte im übrigen Menschen genug; mit 408.000 Einwohnern leben allein dort mehr als auf ganz Korsika. Soviel zum Vergleich beider Inseln, deren Schönheit aber in keiner Weise voneinander abweicht; beide Inseln sind umwerfend spannend, jenseits von Mallorca oder Sizilien eher weniger bekannte Welten inmitten des großen, mittelländischen Meeres.

(Bild: Auf dem Weg nach Sassari komme ich durch Castelsardo, und würde jetzt so gern einfach aussteigen…. doch sitzen bleiben: In wenigen Stunden wird es wieder dunkel, muss Sassari erkunden und Mario erreichen, der Tag ist nur noch halb so lang…)

Italien  -Region Sardinien-  (12.11.2014)

Wieder zu hause auf on the road…. 
Nach Regenreicher Nacht im Zelt, war es zumindest morgens etwas sonnig, warm und fast schon gewohnt gemütlich in meiner “alten Bucht” in Santa Teresa.
Gestern noch kam ich ja mit der Fähre von Korsika rüber, da war es schon um 17:00 totale Nacht (!!!)  Unglaublich, also so eine frühe Dunkelheit kenne ich eigentlich garnicht…. geht ganz schön an die Substanz wenn nur acht Stunden pro Tag bleiben und der Rest (16 Std) irgendwie im Zelt verbracht werden müssen…  bin eben kein Hotel-Tourist der sich einen langen Abend machen kann…

Sooo, wollte eigentlich wieder trampen, doch beim suchen der richtigen Ausfallstraße von Santa Teresa nach Sassari, steht aufeinmal der dicke Bus da und wartet.
Für acht Euro die 103 km steige ich ein und ab geht die Post….

(Bild: Lange Straßen durch die Macchia Sardiniens…..)