… Zu Fuß durch die Extremadura…

Jaja, nicht wirklich,  zu groß ist das Gebiet welches sich auf Deutsch “Estremadura” schimpft,  und Spaniens menschenleerste Region ist.
Aber eben eine Region, ein Land wie eine kleine Nation, welche ich hiermit kennenlernen möchte, hier am anderen Ende Spaniens, an der Grenze zu Portugal.

Bei endlich wieder sonnig-klaren, blauen Himmel, ziehe ich von Merida, der kleinen Hauptstadt durch ein flaches Gebiet samt Wanderwagen mal wieder auf den Sohlen über den Asphalt.
Dank einer tollen Geldspende konnte ich ja diese neuen Schuhe ergattern, orangene Nice Turnschuhe die nun meine alten, ehrwürdigen Treter ersetzen. Noch im Kanarischen Yumbo-Center erstanden, schreiten sie nun die Kilometer in der fernen, ja düsteren Exzremadura hinab.
Wirklich,  dieses Land ist in ganz Spanien als das Armenhaus der Nation bekannt; und am Wegesrand sehe ich sie, die zerfallenen Bauernhöfe,  Fabrikhallen (wohl noch aus der Franko Zeit) sowie Platz, viel, viel Platz…. der Blick schweift kilometerweit über versumpfte Äcker,  – in den letzten Wochen hat es Reckordhafte Regenmengen gegeben, die das Land nun wässern,  im Sommer der hier lang und sehr unbarmherzig heiß ist, gibt’s hingegen nichts. Nur Jakobspilger die eine Abwechslung zum Nordischen Weg auf der “Via del la Plata” suchen.

Merida, erlebte ich noch im kalten Wintergrau; bei lausigen acht Grad kam nicht sonderlich viel Freude beim Erkunden der an sich sehr interessanten Stadt mit ihren vielen, tollen guterhaltenen Relikten von den Römern, die bis hier in diesem fast 2300 Jahre alten Ort einst gekommen waren. Nach ihnen die Mauren, die mit der “Alcazaba” eine Art Mini-Alhambra ein weiteres Wahrzeichen schafften -wenn da nicht wieder diese typisch Spanische Bauart in ihrer Zuverlässigkeit,  alles zu verschandeln drumherum nicht wäre;  Hochhäuser der 70er in Kartonbauqualität lassen Merida -von weitem-  aussehen,  wie jede andere Stadt.

Schlauerweise habe ich mir zum Wandern diese Flachsenke um den Rio Guadiana ausgesucht,  jener, zumindest auf der Landkarte ganz spannend ausgehender Streifen zwischen den 62 Kilometer auseinanderliegenden Städten Merida und Badajoz. Ist auch schön,  doch Platz zum Zelten ist hier mitnichten einfach zu finden;  völlig zersiedelt oder komplett frei ohne jeglichen Sichtschutz liegen die zudem fast ganz unter Wasser liegenden Äcker,  Schlamm umd Morast lassen schon den Blick übers Land ertrinken.
Und dann klappt das Couchsurf Treffen in Motijo nicht. Mein Gastgeber wäre erst gegen 22 Uhr daheim,  heißt es auf Facebook.
Müde und entkräftet suche ich also um die Kleinstadt Montijo was zum Schlafen. Kostenlos versteht sich ja, und kämpfe mich nach langer, langer….ja, langer Suche durch tiefsten Schlamm über ein Acker bis zu einer wahren Insel aus Eukalyptusbäumen und Granitfelsen,  sich erhebend aus dieser Welt aus Matsche. …. meine schõöönen Schuhe…. der Wanderwagen, alles voller Pampe….
Doch oben, zwischen feinem Granit und grünem Gras finde ich gemütlich Ruhe und Wärme,  eingemummelt in der mobilen Villa Wanderleben.

Weiter ziehe ich, guter Kräfte,  aber total versaut voller Matsch, nach Westen. Wieder nach Westen in Richtung Badajoz,  was aber erst morgen erreicht sein wird.
Ich genieße den Marsch, das langsame Unterwegssein.

Irgendwo hinter dem Ort Alcazaba, einem winzigen Dorf, schlage ich das Zelt einigermaßen Sichtgeschützt direkt am Rande eines Ackers auf, in der Abenddämmerung,  da ich hier nicht gesehen werden mag… Camping top secret, versteht sich…

Nach einer schaurigen Nacht, packe ich das Taunasse Zelt ein, rutsche auf dem glitschigen Schlamm aus und klatsche nieder. Nix passiert, aber Wut im Bauch; ich hätte lieber die Berge zum Wandern wählen sollen, dort ist es Menschenleer und auch nicht so gräßlich schlammig.
Schnell bin ich aber wieder glücklich,  ziehe weiter nach Westen und schaue in die Landschaft.

Badajoz, diese letzte Großstadt direkt vor Portugal liegt alsbald am Horizont, wo ich heute wieder zum Couchsurfen verabredet bin, bei Angelina. Internet sei Dank, sowas wäre vor zwanzig Jahren alles garnicht möglich gewesen.
Angelina, eine liebe Mama von einem kleinen Mädchen die halb Angolanisch schon eine gewisse Vorahnung auf mein nächstes Land vermittelt;  Portugal, was einst Angola (im fernen Afrika) koloniesierte, ist nah.
Doch heute bleibe ich noch in Badajoz, einer Stadt hier im Niemandsland, lebendig, überraschend schön und gepflegt,  ein Zuhause für immerhin 150.000 Menschen.
Einer davon erwartet mich schon….

… Und noch einmal treffe ich ihn wieder….
Hach, da ist er wieder, meine alte Liebe…. ja, der Jakobsweg ist wieder da. Nur halt ein anderer und zwar die “Via del la Plata”, bei uns auch als “Silberweg” bekannt,  von Süden Spaniens (Almeria, Sevilla) nach Norden führend eine der vielen Varianten.
Ich ging ja damals (2012) den Camino Frances durch Nordspanien, durch Frankreich und so weiter…. und nun, mein Herz leuchtet, treffe ich  sie wieder, die gewohnten,  gelben Pfeile, immer irgendwo hingemalt mir den Weg weisend, hatte ich sie über die lange Zeit der Wanderschaft liebgewonnen.
Joses Riesengrundstück, wo ich ganze zwei Tage verbrachte,  liegt genau hier an diesem Silberweg.
Es ist ein Geschenk nun dieses Stückchen von hier bis nach Merida hinein zu gehen. Fünf Kilometer wieder auf dem Jakobsweg die ich nun resümierend genieße, und das bei mittlerweile sonnigen Himmel.

So ab vom Schlag bin ich also doch nicht, im Sommer wenn hier die 40 Grad normal sind, bringen ganze Scharen von Jakobus-Pilger den Weg zum stauben, weiß mir Jose noch zu berichten.

Buen Camino (den alten Pilgergruß) sage ich heute an diesem Ferbruartag ganz allein zu mir selbst; Santiago, mein Camino…. ihr seid wieder da….wenn auch nur für einen kurzen Augenblick. ..

Landgut bei Merida.
Kurz und bündig spricht so ein Bild für sich….  allein war ich also nicht hier. Der Wanderwagen erregt wie immer Aufsehen,  was mich auch hierhin führte;  mein hiesiger Gastgeber, Juan, lud mich schon im Internet zu sich ein. Er bot mir das Wohnhaus in der Stadt an oder eben sein Holzhaus, weit hier draußen.

Als Mensch war ich hier meistens für mich allein über die zwei Tage, doch wie gesagt,  nie ganz so wirklich. ….

… Landleben total; mit der Extremadura habe ich somit eine weitere Region des “Schwerpunktlandes” Spaniens erreicht,  einem Land fast wie ein kleiner Kontinent,  bestehend aus vielen Regionen,  “Ländern” wie die Extremadura mit einer Größe von 41.000 Quadratkilometern so ausgedehnt wie die ganzen Niederlanden,  aber mit gerade mal so viel (oder wenig) Einwohnern wie die Stadt Sevilla. (1 Million)

Hier hat mich Juan empfangen,  ein ausgeflippter Gay in meinem Alter,  der aber irgendwie auch das Landleben mag, und besonders nach seinen wilden Diskonächten in Merida (der Hauptstadt der Extremadura mit 58.000 Einwohner) das Landgut seiner Eltern aufsucht.
Hier treffe ich auch augenblicklich an die 300 Ziegen.
Ja, hier in der tiefsten Provinz bin ich jetzt, sowas von abseits jeglicher Touristenpfade…oder vielleicht auch nicht ?

Hmmm, dazu später mal mehr….

… Metropole adè, …. ¡Holla Landleben!

Mit Flamenco im Blut geht meine Sevilla-Mission nun zu Ende. Mit all den vielen Eindrücken, und Geschichten die mir Oscar zu erzählen wusste, -jemand der seine Heimat versteht und liebt, geht’s für mich schonwieder weiter.
Gestern noch überwand ich mich zu einem Flamencoabend, einer weiteren sehr Sevilla Typischen Sache: Der Flamenco,  eine eher traurig gesungene Musik,  aber mit flotter Gitarre und noch temperamentvollerem Tanz, fand in Sevilla vor Jahrhunderten ihren Anfang.
Damals wie heute machen das die “Zigeuner” -in Spanien verbreitete Sinti, die allerdings hier teils assimiliert, ganz anders als herkömmlich in Gesellschaftlicher Randstellung, integriert sind.
Doch im Zuge der Europäischen Öffnung,  teilt auch unter ihnen eine tiefe Kluft die soziale Lage; die in den letzten Jahren aus Rumänien hinzugezogenen Roma finden auch hier nirgends irgendwelchen Anschluss und betteln auf den Straßen teils recht aggressiv.

Bis 11 Uhr hielten es meine Gastgeber aus, dann trieb ihre eigentlich eher für Spanische Verhältnisse untypische Müdigkeit nach Hause. Mir solls recht sein, da ich nicht nur aus Freude und Dankbarkeit meine Gastgeber zu Wein und Tapas einlud, sondern auch ungern bis nach Mitternacht wach bleibe.
Die beiden schien sogar ärmer als ich zu sein; die Weine, Colas und die eine Limo, die sie sich teilten,  verschlangen sie mit solcher Gier, dass ich mich kaum noch zurückhalten konnte, weiter zu bestellen.  Jaja, ich kann mir das eigentlich nicht leisten,  aber dennoch; mir wird immer überall sooo viel geholfen.  Wen ich also habe, gebe ich auch was ich kann.

Außerdem,  in Sevilla ist es garnicht teuer; gerade mal 70% des deutschen Durchschnitts zahle ich hier schon in der Innenstadt. Ein Doppelzimmer bekommt man schon für 30 Euro.

– Es geht weiter: 14 Euro für den Bus nach Merida, weitere 10 Euro fürs Essen als Vorrat. Zwar bin ich wieder über Couchsurfing gut organisiert,  und werde in Merida von Juan erwartet,  aber wer weiß,  bei Oscar gab es ja auch keine “Vollverpflegung”, (ich aß ihren Studentenkühlschrank nicht leer) und somit habe ich Sicherheiten in meiner Voratskammer am Wanderwagen.
Dieser ist wieder schnell verstaut im riesengroßen Gepäckraum des Überlandbusses und auf geht’s,  220 Kilometer nach Norden ins unendliche, Graue, Verregnete Hinterland….

Kaum eine andere Stadt  in Spanien (neben Barcelona) zeigt eine dermaßen starke Identität wie Sevilla.
Mit ihren “Cofredias”, den traditionsreichen Familienverbünden deren Sozialstrukturen weite Teile dieser Stadt prägen, dem eigenen Sprachakzent, und die vielen Gebäude wie die weltberühmte Giralda Kathedrale (die ich wegen des hohen Eintritts nur von außen sah), dem Torre Oro am Guadalquivir-Fluss, (den ich mir nie merken kann…) oder der 180 Meter hohe Wolkenkratzer unweit davon, der schon ganze acht Jahre im Bau ist, da ja nahezu überall aktuell das Geld fehlt, hat die Stadt viele Wahrzeichen die einem immer an Sevilla erinnern.  Doch mit den “Pilzen” habe ich mir mein Sevilla manifestiert;  einer modernistischen Großskulptur mitten im belebten Stadtzentrum -gegen den Willen der Anwohner,  da im Kontrast zu all den Altbauten drumherum,  wuchern diese Futuristischen Betongewächse gekonnt ins Stadtbild.
-Ansichtssache, aber warum muss es immer irgendwas Altes, Historisches sein ? Ist den unsere heutige Zeit nicht auch eine Zeit mit eigenen Akzenten ?

Die Pilze von Sevilla, ja die haben es mir angetan.

Tagsüber ist das Wetter in Sevilla so grau, dass jedes Foto einfach nur finster und düster aussieht.  Doch was wäre Sevilla ohne seine Nächte,  selbst im Sommer?
Die Kathedrale, ein riesiger Komplex aus Mittelalterlichen Mauern und umwerfender Größe,  bleibt mir allerdings verschlossen: Gesalzene 8 Euro Eintritt wird vom Wandersmann verlangt,  der die heiligen Hallen betreten will, nicht wirklich einladend zu erfahren das lediglich,  und wirklich NUR lediglich mein Portemonnaie willkommen ist.

Traurig, und ja -irgendwie mit einem Funken Verständnis für all die Kommerziellen Wirklichkeiten der Kirche, wende ich mich ab und mache Platz für die Chinesischen Touristen mir ihren großen Kameras…

…. Santiago de Compostela, mein Camino… ihr seid so fern….

… Sevilla … die heißeste Stadt Europas.

Da bin ich jetzt nun, in Sevilla, der Hauptstadt Andalusiens, sowie viertgrößte Metropole Spaniens, die schon ganz zum Anfang einen speziellen Eindruck macht; Städte sind für mich wie Menschen mit ganz eigenen Charakteren,  mal mehr, mal weniger,  aber immer in eigener Identität nahezu unverkennbar.
Sevilla machte es wieder mal deutlich wie sehr das zutrifft;  selbst für Spanische Verhältnisse gibt sich die Stadt ganz besonders eigensinnig im Temperament,  hier gibt’s die längste Siesta (4-5 Stunden Mittagspause) die wohlbegründet des wahnsinnig heißen Sommers wegen nötig sei, (allerdings auch im kalten Winter,  -Hitze-Siesta würden Spanier auch am Nordpol rechtfertigen. )
Zudem ist Sevilla der einzige Ort im Lande, der ähnlich wie die Italienische Mafia, eine “Ehrenwerte Gesellschaft” tradiert, Familienclans die streng organisiert überall bekannt  und geachtet im Zentrum der Hierarchie stehen. Natürlich nicht Offiziell.

Naja, das mit den Hitzerekorden in den Sommermonaten,  die Sevilla zur unerträglichen Gluthölle Spaniens machen, liegt mir hier und jetzt erstmal reichlich fern; 15 Grad, trübe und regnerisch ist es heute an diesem 12 Februar in der Stadt in der es im Sommer regelmäßig 45 Grad heiß wird.
Mal ein anderes Bild von Sevilla,  so als läge es mitten im Münsterland. Mein Heimweh hält sich somit in Grenzen….

Auch gut untergebracht bin ich wieder, diesmal lud mich Oscar, ein Philosophiestudent in seine zentrale Stadtwohnung ein und empfahl mir gleich doch ein bisschen langer zu bleiben; Sevilla an einem Tag zu erleben,  sei schon fast eine Beleidigung… ich muss also noch länger verweilen als geplant.

Sevilla im Februar,  mal was ganz anderes. Grau und düster. .. Sicherlich weil ich euch vor Tagen so viel Sonne schickte, dass ich nun selbst keine mehr habe….