Italien -Region Kalabrien- (02.12.2014)
Doch der Zug kommt, ich glaub es kaum.
Überfüllt und stikig, ich drücke mich auf einen der letzten freien Plätze neben einigen dicken Zigeunern.
Draußen hinter den trüben Fenstern, die wohl noch nie einen Putzlappen gesehen haben, zieht das sonnige Kalabrien vorbei, laut krachen die Gleisen während de vielen Tunnel, die Fenster sind teils offen.
Rosarno sehe ich, ein eher unschöner Ort der noch vor kurzem in die Schlagzeilen kam, weil Jugendliche mit Gewehren tötliche Jagd auf die vielen Schwarzafrikaner machten, Jungs deren Väter zur Ndrangheta gehören und der Ort von heftigen Rassen-Kravallen erschüttert wurde.
Dann Gioia Tauro, Italiens größter Containerhafen, völlig im Besitz der Mafia und deshalb Hauptumschlagplatz für harte Drogen; 80% des kolumbianischen Kokains, kommen hier ohne weiteres nach Europa. Jeder weiß es, doch der italienische Staat scheint offenbar machtlos zu sein….
Nach langer Fahrt, 100 km von Tropea weiter südlich, erreiche ich endlich Reggio di Calabria, Kalabriens größte Stadt an der Meerenge von Messina, wo ich zum ersten male Sizilien sehe, fast zum greifen nah auf der anderen Seite…
Reggio wirkt eher wie eine Stadt in Marokko oder der Türkei; einfachste, mehrstöckige Wohngebäude zweckmäßig und billig hochgezogen in den 60er und 70er Jahre, nichts altes, historisches fällt auf.
Auch am Bahnhof, nur Autos überall Asphalt, schräge Bordsteine und die Piazza Giribaldi, der davorliegende, kleine Park, ein Treffpunkt für Säufer und komische Gestalten…
Hier kehre ich schnell in einer der quirligen Bars ein, finde zum Glück WiFi und kann es wieder nicht fassen welch ein Mentalitätswechsel in Italien von Nord nach Süd herrscht: Der Gastgeber für Reggio hat immer noch nicht geschrieben, seine Adresse rausgrückt…. unglaublich, schon der dritte Fall in Serie wo Absprachen sich in Luft auflösen.
Sowas gab es im Norden nie….
Also stehe ich in Reggio auf der Straße, schaue mich um und überlege vielleicht längs des Strandes aus der Stadt zu ziehen. Mache ich nicht, besinne mich der 50 € Spende meiner Familie und mache es jetzt einfach: Ich suche ein Hotel.
Für 40 Euro, eigentlich für mich tabu, beziehe ich ein großes Zimmer im abseits gelegenen Siro-Hotel, schummerig in einer Seitengasse gelegen, inmitten gesichtsloser Zweckbauten an löcherigen Straßen.
Ein Hauptgrund ist tatsächlich mein Tablet-PC, der braucht eine ganze Nacht zum Aufladen und ist fast völlig leer….
Irgendwie schon sehr seltsam; ich vermisse eigentlich weder Bett noch Dusche, bin gut ausgeschlafen und sauber, bade ja immer im Meer. Doch wie mächtig ist mittlerweile diese “digitale Krake” welche mich offensichtlich fest in ihren Fängen hält.
Ok, ist mein Apparat leer, gibt’s keine Fotos mehr, kein Internet für’s Couchsurfen, (was ich immernoch nicht aufgeben will) und das wichtigste: Der Kontakt zu meinem Freund Georg und Familie via Scype.
Außerdem brauche ich auch jede Menge Zeit um hier zu schreiben, was ich ja so gern mache 🙂