Italien -Region Sizilien-

Währen die Hallen der Kathedrale -wie gesagt- recht eintönig vor 210 Jahren dem damaligen Trend nahezu enthistorisiert wurden, finden sich auch aktuelles Zeitgeschehen; ein neuer, modernistischer Sarkophag glänzt im geschliffenen Granit entsprechend würdig der Errungenschaften eines großen Mannes; Beato Giuseppe Puglisi, einst Priester aus einem Problemviertel Palermos, der dort viel geschaffen und verändern konnte, zuletzt aber den Kampf gegen die Mafia mit dem Tod zahlte.
Dieser Lebenseinsatz aber verschafft der Cosa Nostra höchstens noch mehr Probleme in der heutigen Akzeptanz der Gesellschaft; Padre Puglisi, erst vor drei Jahren von Mafiosos erschossen, schiebt bis heute die Mafia ins gesellschaftliche Abseits, 21 Jahre nach dem Tode, drei Jahre nach seiner Seligsprechung als Märtyrer ….

Ich bin erfasst, auch von der Gegenwärtigigkeit dieser Story, ansonsten gewöhnt an jahrhundertealte Denkmale längst vergangener Helden. Auch heute hat die Zeit ihre Aufgaben; gut gegen böse, oder umgekehrt …. das Thema bleibt immer das gleiche, nur die Welt drumherum ändert sich. Auch hier in Palermo.

Italien -Region Sizilien- 

…. Nach kleiner Auszeit (6 Tage) muss ich ja mal wieder rann: Treue Leser fragen schon was los ist ….
Bin nun in der ruhigen Phase eingetreten, Georg ist gekommen und mir geht’s erstmal richtig gut hinter schützenden Wänden einer molligen Ferienwohnung unweit von Palermo am glitzernden Meer ….
Aber dazu später mehr, da ich unbedingt noch von Palermo selbst erzählen muss:

Also, die Kathedrale -was wäre eine Stadterkundung ohne ihr jeweiliges, spirituelles Herz (?) – stand erstmal auf der Agenda. Palermo ist wieder eine große Stadt, Heimat von über 800.000 heißblütigen Sizilianern, Haupstadt, Zentrum dieses Landes tief im Süden Italiens, die hier in ihrer ganz eigenen Welt mit ihren ganz eigenen Dingen beschäftigen; z.B. den ewigen Kampf gegen die seuchenhafte Infektion mafiöser Bakterien, die ständig und immer wieder resistent gegen all die Mittel und Wege werden… ob in der Stadtregierung, der Kirche oder auf der Straße.

Doch Sizilien kämpft weiter, schafft seit mitte der 90er Jahre mit immer mehr Erfolg seine Befreiung aus der eigenen (Un)kultur des organisierten Verbrechens.

Der Dom Palermos ist mittlerweile ein Anlaufpunkt einer spirituellen Kehrtwende; zuvor noch selbst durch und durch mit der “Volksmafia” im Einklang, spaltet sich die Kirche heute deutlich von der Cosa Nostra ab, bildet neulich ein ernstes Gegengewicht zur “anderen Seite” in der Gesellschaft.

Seit 1400 Jahren gibt es hier an dieser Stelle eine Kirche, wo heute die Maria Santissima Assunta, Palermos Dom tront, (Bild)  und all die Zeit prägten diesen Ort so viele Herrschaften, Umbrüche und Volksstimmungen. Bis heute wo der Kampf gegen die sizilianische Mafia weit, weit voran sein gutes Ende zu finden scheint …..

(Bild: Erst normannisch, dann arabisch, dann gotisch-postromanisch, und zuletzt eher langweilig klassizistisch korrekt; der Dom zu Palermo)

Italien  -Region Sizilien-  (17.12.2014)

Die Ficusbäume hatten damals Adelige aus fernen Ländern mitgebracht, und Zuhause angepflanzt. Ähnlich wie in Südasien oder Australien, gedeien die Subtropischen Mitbringsel alter Tage nahezu genauso prächtig; erst lange lianenartige Luftwurzeln bildend, die von den Ästen herabhängen, treffen diese irgendwann auf dem Boden, verholzen dann und es entsteht ein neuer Stamm der mit der Zeit immer stärker wird.
Somit entsteht ein ganzer Wald auf Stelzen, dennoch einzig aus einem Baum bestehend.
Den größten Ficus seiner Art sah ich mal in Calcutta (Indien) der sogar viermal so groß wie dieser hier in Palermo ist.

Doch wie gesagt; mit “gerade mal” 160 Jahren kommt der Monsterficus gegen den “Baum der hundert Pferde” nahe dem Ätna (siehe Berichte  über Catania/Sizilien) wie ein Säugling daher …. die Kastanie bei San Alfio ist satte 22 mal älter…. *schwindelig werd* …..

Italien -Region Sizilien-  Stadt: Palermo (17.12.2014)

Wieder ist es die Natur was mich in der Stadt so anzieht: Die australischen Ficusbäume im Garibaldi Park, nahe dem Hafen und nur 300 Meter vom Hostel, sehen uralt aus, sind sie aber nicht wirklich; gerade mal 160 Jahre leben diese urtümlichen “Wurzelstämmer” in dieser Oase der Ruhe umgeben von Italiens wildester Stadt.

Italien  -Region Sizilien- (16.12.2014)

Palermos Zentrum bestimmen (wie in vielen Städten Italiens) große, lange Hauptstraßen die rechtwinkelig kilometerlang die Orientierung sehr erleichtern. Abseits der Gradlinigkeit aber verwirren die alten Viertel (Capo, Vucciria, Ballaro) mit ihren schmalen Gassen und versteckten Plätzen, die entweder vor Leben strotzen, oder total still sind.

Bild: Die Via Roma, mit Pferdekutschen für die Touristen, zieht sich quer durch Palermo.

Italien  -Region Sizilien-  (16.12.2014)

Palermo, einer meiner alten “Traumziele” welches ich nun endlich erreicht habe. Vier volle Tage bleibe ich jetzt, sozusagen wartend auf meinen Freund Georg-Edmond, der am 20ten ankommt.

Palermo ist die Haupstadt des “Landes” Sizilien, und mit 824.000 Einwohnern (mit direkt anhrenzenden Vororten) die größte Stadt auf dieser fantastischen Insel. Hier geht wirklich (wie gehabt) die Post ab, eher an Afrika oder Indien erinnert mich so ein turbulentes Stadtleben, Palermo, zusammen mit Napoli und Catania sind die wildesten Städte Italiens. Auch der Müll überall auf den Straßen, Gassen und Gehsteigen fehlt hier keinesfalls, noch schlimmer sogar als in Napoli kommt mir der Müllnotstand hier in Palermo vor, klar, wie auch in Kampanien herrscht komplett die Mafia im kommunalen Müllgeschäft, doch anders noch als in Napoli, wo die Camorra einigermaßen die Lage im Griff bekommt, scheint die “Cosa Nostra” auf der Insel ihr Geschäft nicht wirklich kompetent zu beherrschen…. doch dazu später mehr.

Palermo hat schon viel gesehen: Mit über 2800 Jahren hat die Stadt 60 Jahre mehr auf dem Buckel als Rom!
Damals, von den alten Griechen gegründet -die siedelten überall in Sizilien an den Küsten, eigenete sich die “Goldene Bucht” wie die Ebene abseits der angrenzenden Berge heißt, besonders gut.
“Conca d’oro” klingt auf Sizilianisch diese Niederung, wohl wegen der weiten Orangenheine damals, die sich golden in die Landschaft legten…. die heute komplett von der Stadt bedeckt ist.
Komischerweise wirkt das Stadtzentrum weniger Großzügig; es fehlen fast vollständig Fußgängerzonen, große Plätze und Parks zum durchatmen sind Mangelware, einzig und allein das Auto beherrscht hier alles; ein Spaziergang durch die ansich aufregende Stadt, kommt deshalb recht stressig. Ständig ist man irgendwie auf der Flucht, besonders vor den halsbrecherischen Mopeds, die keine Regeln kennen!

(Bild: Palermo vom Monte Pellegrino, dem Stadtberg in Randlage auf dem ein toller Weg hinaufführt)

Italien  -Region Sizilien-  (15.12.2014)

In PALERMO angekommen.
Und das bei der besten Adresse im Vucciria Hostel, bei der unglaublichen Margherita die sowas von superfreundlich ist, dass ich vergesse hier in einem Hostel zu sein.
Überhaupt liegt es völlig unscheinbar in einem Wohnhaus mitten im schrulligen Altstadtviertel Vucciria mit seinen verfallenden fünf Etagen Häusern, dicht an dicht aber voller Leben, überall wuselt Geschäftigkeit; Läden, Gemüse und der Geruch nach frischem Fisch … in den einfachen Bars zocken alte Fischer Karten und mittendrinn dann lediglich eine halb abgerissene Klingel auf der “Hostel” mit einem Filzstift geschrieben das einzige Zeichen ist.

Für 15 Euro die Nacht komme ich noch gut die nächsten und letzten Tage hin, habe es aufgegeben bei Couchsurfing.com die Leute anzubetteln; wie gesagt, so viel Arbeit, so viele Mails schrieb ich als Anfrage für eine -oder zwei Nächte bei angeblich so gastfreundlichen Menschen, suche mir Profile (ähnlich wie Facebook) aus, beschreibe mich, mein Reiseprojekt und warte. Nix kommt zurück. Kein Sizilianer will den vom Wanderleben aufnehmen….. bäh, dann eben nicht.
Aber dafür bin ich eben hier gelandet; einfach “Hostel” bei Google eingeben und fertig. Üblicherweise nutze ich auch gern “Hostelworld” eine Seite extra für die billigsten Absteigen weltweit.

Aber Margherita (weiß net ob ich den Namen jetzt richtig schreibe) und ihr ruppiger, aber echt symphatischer Sohnemann Martino, verschaffen mir echtes Couchsurfing-Feeling. Eben echter Familienanschluss hier.

(Adresse: Vucciria Hostel, Via Argenteria 19  Palermo
(+39)328-7778825))

Italien -Region Sizilien-  (15.12.2014)

Noch ist es lang genug hell, 14:00 Uhr, somit fahre ich die nächste Strecke wenigstens nicht im Dunkeln und kann die Landschaft sehen.
Am Busbahnhof herrscht allerdings tote Hose um diese Zeit. Schließlich ist ja wieder ewige Siesta und das Land steht still. Selbst die einfache Bar, provisorisch in einem Alucontainer, hat zu. Ca 40 Leute müssen nun draußen im Schmuddelwetter ohne Dach, ohne irgendwas ausharren. Alles zu, dicht und finito; Italien ruht……..
Lediglich und zu meinem Erstaunen, fahren ein paar Überlandbusse, und in die Hauptstadt Siziliens, Palermo natürlich auch. Dort flüchte ich jetzt spontan mal hin, werde nicht um jeden Preis hier bleiben, Caltanissetta habe ich ja nun gesehen. Das reicht.

Zuvor beim Kebab essen in der Innenstadt, schaute ich noch in meinem Couchsurfingaccount, wo fünf aufwendig erstellte Anfragen nach Palermo auf Antwort warten.
Wie gehabt, typisch süd-italienisch, gibt’s dort nur von einem einzigen Totentanz zu berichten; kein einziger hat auch nur mit “nein” geantwortet. Im Mezzogiorno lebt man offensichtlich frei nach der Devise: Keine Antwort ist auch eine …. also ab ins Hostel, wofür ich schonmal ganz hellseherisch zuvor Recherche betrieb.

Die letzten Tage vor meinem “Urlaub” mit Georg hier auf der Insel und meinem Heimatbesuch bis März/April, bettel ich niemanden in irgendwelchen Gastfreundschafts-Foren an.
Dank der Weihnachtsspenden meiner Familie, sowie meiner lieben Tante Betti, kann ich mir jetzt die letzten vier Tage ein Bett im Schlafsaal leisten !!!!

(Bild: Das muss ich zeigen: “Einstürzende Hochbauten” …. wie hier gleich neben dem Busbahnhof in Caltanissetta, wo ganz oben rechts, mit Sperrholz das Problem einfach mal gelöst zu sein scheint … oft kann man in Süditalien sie katastrophale Bauqualität an bröckelnden, ja komplett brechenden Hauswänden deutlich sehen. Balkone drohen abzustürzen, ganze Schollen lösen sich aus den Fassaden.  – und wird oft mit einigen Holzbalken “abgesichert"  – fertig – )

Italien -Region Sizilien-  (15.12.2014)

So watschel ich nun wieder mal verloren durch die Gassen einer verregneten Stadt und weiß überhaupt nicht wohin. Ich drehe mich um und weiß eigentlich nicht warum, sehe aber da zwei meiner Hemden sich mit trüben Pfützenwasser vollsaugen.
Au Backe, der dicke Rucksack ist unten total aufgerissen, wie Eingeweide quillen die Klamotten aus dem Innern, Socken, Unterhosen und der Schlafsack hängen schon auf halb acht ….

Ich stopfe alles wieder rein, packe das nasse Zeug in Plastiktüten, und bin stinksauer.

Feierabend, ab nach Palermo heute, hier hab ich nix verloren sage ich laut vor mir her….

Das Loch in der Tasche stopfe ich mit dem massigen Schlafsack einigermaßen dicht, das sollte halten.

Italien -Region Sizilien- (15.12.2014)

Geschafft, raus aus Enna nur 45 min Busfahrt bis Caltanissetta, einem eigentlich nicht besonderen Ort den ich aber unbedingt sehen will. Früher wollte ich mal immer nach Sizilien und auf den Landkarten zog ich voller Fernweh mit dem Finger meine Bahnen. Dieses Caltanissetta war exakt in Siziliens Mitte gelegen, und somit einfach interessant.
Emotional halte ich mich gern an die alten Reiseträume und hatte die Route des “Weltweges” eben auch hier entlang bestimmt.
Allerdings sieht die Wirklichkeit wie immer, anders aus: So grau wie das blöde Wetter kommt mir auch die Stadt selbst vor; mit 63.000 Einwohnern, die fast komplett in einfachsten Hochhäusern die sich über viele niedere Hügel zentumslos verteilen, leben, ist die Stadt die größte Siziliens abseits des Meeres.
Im Zentrum, finde ich dann nur den Dom welcher als Wahrzeichen recht allein in der bescheidenen Umgebung steht. Die Innenstadt ist sehr überschaubar ganz im Gegensatz zu den weitläufigen, kilometerlangen Hochhausvierteln.
Weit zerstreut verliert sich der Siedlungsbrei außen vor der Stadt, hier einen lauschigen Zeltplatz im Abseits zu finden dürfte diesmal schwer werden, außerdem schraubt der schäbige Dauerregen meine Laune auf einem maximalen Nullpunkt.
Kalter Wind bläst mir ein dickes Unwillkommen ins Gesicht…. die kaputten Schuhe saugen sich schnell voll, große Pfützen braunen Wassers sperren mir oft den Weg durch die alten Gassen.