Andorra

Schönes Andorra: während ich gestern Faulenzen war und mal etwas das ganze Treiben von Ort zu Ort vergessen versuchte, fröhnte ich heute meiner Leidenschaft des Wanderns, wollte eigentlich Rocky mitnehmen und mal ganz zünftig, ganz unter Männern, eine ordentliche Kletterwanderung hinlegen. Paula wolte nämlich heute ihren Faulen Tag einlegen, da bot sich mein Unterfangen an mal sich sportlich zu betätigen.  Doch der Globetrotter schaffte es selbst bis elf Uhr Vormittags nicht sich wenigstens mal sehen zu lassen; schnarchen war lediglich jenseits der Tür ihres Gästegemachs zu vernehmen.
So machte ich mich eben allein auf dem Weg und stieg hoch über Andorra – Stadt in die umliegenden Berge, zog eine Hülle nach der anderen vom Leib; noch unten im Ort war es gerade mal 10 Grad, hier oben ist es alles andere als wärmer,  so aber gerate ich in Wallung und steige weiter und weiter hinauf über nach Herbstlaub duftende Natursteinpfade. Pappeln, Buxbaum und Eichen dominieren das Bild, die Sonne strahlt,  der Himmel ist sowas von Blau. Ich pausiere, höre das tiefe Rauschen der Stadt unten im Tal, rieche den wilden Oregano der an den Felsen wächst.

Weiter oben atme ich tief die würzig, kalte Bergluft ein die in ihrer kristallklaren Reinheit  meine Lungen wahrlich fluten mit Lebenslust und Frische. Hier weiter oben wachsen nämlich Kiefern die in der Sonne diesen herrlich harzigen Wohlgeruch verströmen. Dazu eindringliche Stille; Silbrig glänzender Granitschotter knirscht unter meinen Sohlen,  Bergbäche murmeln leise am Wegesrand.

Ich bin in Andorra und finde nun den vermissten Platz in der Natur. 
Ganze 467 Quadratkilometer misst das Fürstentum,  das eigentlich keinen hat; Amdorra ist der einzige Staat der Welt mit gleich zwei Staatsoberhäuptern: Der Staatspräsident von Frankreich zum einen, sowohl der Bischof von La Seu zum anderen,  jener spanischen Stadt in der ich noch vor einigen Tagen war. So regiert dieser Bischof als Ko-Fürst neben den Präsidenten Frankreichs.
Sprachlich dominiert allerdings das Katalanische, ferner Französisch was eher in der Gastronomie vorherrscht.
Na und das Essen, da habe ich versucht was zu finden, jedoch vergebens; die “Andorranischen” Restaurants gaben auf ihren Aushängen Pizza, Paella oder Maxi-Hamburger zum Besten. Jedenfalls kommt mor sowas nicht unbedingt authentisch Andorranisch vor.
Malu erzählte mal, Fleisch vom Grill sei typisch Andorranisch.  Also habe ich schon immer Zuhause auf Papas Grillfesten typisch Andorranisch gegessen: Fleisch vom Grill eben.

Andorra la Vella, was soviel wie “Andorra Stadt” heißt,  liegt zwischen hohen Bergen gelegen und ist als Einkaufsparadies bekannt. Zudem einer der schönsten Städte die ich je sah, durch der ein wilder Fluss rauscht, und einfach alles glitzert, besonders wenn es Nacht wird.
Wobei hier nur 40.000 Einwohner leben, wirkt der Ort schon wie eine kleine Metropole; nahezu alle Geschäfte sind hier dichtgedrängt zu finden die sonst auch die Kölner oder Frankfurter Innenstadt kitschig machen.

Andorra

Komisch, ich dachte im freien Europa ist es mittlerweile einfacher mit den Grenzen geworden,  ich denke noch an das anderthalbstündige Prozedere vor dem Eurotunnel damals in England… naja, der Bus war zwar schon voller Marrokaner, Palästinenser,  Pakistaner, Chinesen und Rumänen, aber innerhalb des geeinten Europas stellte ich mir die ganze Sache etwas flotter vor.
Naja, die Autos an der Andorranischen Grenze konnten ja  einfach so durch, wohl nicht aber meine Wenigkeit;  also Drogenpackete, unversteuerte Geldsäcke, oder Atomgeheimnisse sollten besser nicht im Wanderwagen transportiert werden.

Ich wollte nun Feierabend machen, den Tag zuvor schlief ich sehr wenig, da mein Gastgeber in Manresa den Rioja nur so fließen ließ als sei er ab heute verboten… müde schaute ich mich um, sah aber nur LKWs, tosenden Autoverkehr und gewaltige Einkaufskomplexe die  alle paar hundert Meter den Weg säumten. 
Unbemerkt schlafen kann ich hier sicher nicht. Ich zog weiter, werde langsam nervös,  da ich festgestellte, es gibt hier einfach keinen Platz. Andorra ist -zumindest längs dieser Hauptstraße völlig zugepflastert.
So schaffte ich es aber noch bis in die Hauptstadt Andorra la Vella, da hier Manu wohnt, mein Gastgeber hier in der geschäftigen Steueroase. Jaja, der Manu – ich komme bei all den Namen schon durcheinander,  da ich zuvor mein Gastgeber in Manresa auch schon Manu nannte, der aber eigentlich Joel heißt.  Wie auch immer die  Namen lauten, den Weg fand ich bisher immer, so auch nun hier in einer der kleinsten Hauptstädte dieser Welt: Andorra la Vella, wo Manu und zwei weiter Couchsurfer mich begrüßten.

Manu ist, wie die meisten der hier lebenden Einwohner kein wirklicher Andorraner, er kam aus Cordoba, fern im heißen Andalusien hierher, der Arbeit wegen die ihn auch die allermeiste Zeit völlig in Beschlag nimmt; Insgesamt sind wir jetzt drei Couchsurfer in seiner mittelgroßen Wohnung, die allesamt mit Hausschlüsseln ausgestattet den wahren Luxus eines Hotelähnlichen Residierens genießen dürfen.  Manu ist arbeiten und die Wohnung nie leer. Zumindest Abends haben wir dann zusammen das Vergnügen,  trinken natürlich reichlich und es lernt sich kennen was irgendwie zusammengehört: Rocky und Paula, das sind die beiden Weltenbummler mit der unglaublichen Website http://notallthosewhowanderarelost.ca  – die schon einige Jahre mit dem Mopped durch die Welt tingeln. Ich bin begeistert von den umwerfenden Bildern; Rocky ist ein recht cooler Typ in meinem Alter, gut ausgestattet mit einer schweren Profikamera die fortwährend seine wirklich sehr attraktive Paula vor den genialsten Naturkulissen dieser Welt abzulichten weiß.
Paula, eine Kanadierin portugiesischer Abstammung strahlt eine solche Begeisterung aus das auch ich fasziniert bin. Von allen beiden.  Deshalb hat uns Manu auch gewählt,  Couchsurfer melden sich ja täglich, aber 99% sind eben nur langweilige Tagestouristen, und die stechen wir mit unseren Abenteuerlichen Webauftritten locker aus.

Andorra

Endlich wieder mal zu Fuß auf der Piste, wenn auch auf Asphalt,  aber die Bewegung tut wieder so gut.
Einige Zeit ist inzwischen vergangen und heute, ein herrlich,  klarer Donnerstag stand wieder ganz im Zeichen meiner Leidenschaft,  dem Wandern.
Zwei volle Tage verbrachte ich nun in diesem kleinen Fürstentum namens Andorra hier oben in den klaren und sonnigen Bergen der Pyrenäen.
Andorra, einem “Zwergstaat” zwischen Spanien und Frankreich gelegen,  mit noch nicht einmal so vielen Einwohnern (90.000) als meine Heimatstadt Recklinghausen, (116.000) allerdings wesentlich glamouröser; blitzblanke Straßen,  glitzernde Geschäfte die Abends wie auf einer Kirmes ein Gewitter bunter Neonlichter aussenden,  und das aber alles viel Seriöser,  viel “Weltsstãdtischer” oder einfach halt feiner.
Andorra ist ein winziges, aber sehr reiches Ländchen, welches ähnlich wie Luxemburg oder die Schweiz,  von seinen Steuervergünstigten Banken lebt, mittlerweile aber auch von hundertausenden  Touristen die hier offensichtlich in einem wahren Kaufrausch verfallen, also ganz wie es bei diesen Steueroasen so üblich ist.

Eigentlich wollte ich die erste Nacht auf Andorrischem Boden im Zelt verbringen,  schön in den Bergen, etwas abseits der Straße.  Sicherlich werde ich einen lauschigen Platz in der Ferne vermuten und dort einkehren, im Schutz der Bäume irgendwo in der Natur…
Als ich, nachdem ich Manresa mit dem Bus verließ um nach La Seu zu fahren, 10 Kilometer vor Andorra, sah ich links und rechts der Straße auf der ich samt Wanderwagen des Weges zog, immerwieder Schöne,  etwas wilde Flächen zum Zelten. Doch noch war ich in Spanien (oder Katalonien) und wollte es nach Andorra schaffen.
An der Grenze zog ich noch einiges an Aufsehen auf mich; die Andorrische Polizei war nicht zimperlich, nerfte mit vielen Fragen und Begutachtunhen meines Wanderwagens, wollte noch Geld sehen (nur sehen) und ja, ich durfte ins Land einlaufen…

Spanien / Manresa

Geschafft,  jetzt bin ich schonwieder  weiter, diesmal in Manresa, einer Stadt ca 70 Kilometer von Barcelona entfernt.
Manresa liegt fast im Zentrum Kataloniens,  vorbei an einen “Montserrat”, sowas wie der heilige Berg der Katalanen, der im Nachmittaglichen Sonnenschein echt wie ein Felsberg in Arizona aussieht.

Malu heißt heute mein Gastgeber und der meint es ganz besonders gut; er holte mich mit seinem Auto mal eben aus Barcelona ab; 140 Kilometer hin und Rückfahrt bis nach Manresa. Dort angekommen huscht er schonwieder von dannen, zeigt mir seine Wohnung, ich packe den Wanderwagen aus dem engen Kofferraum und sitze nun allein auf einem Sofa, schaue spanisches Fernsehen und soll alles essen was in seinem Kühlschrank rumfliegt….
Wie ich schon gerade auf meinem Facebookaccount schrieb; mann, wenn das jetzt so weitergeht,  glaube ich es bald selbst schon nicht mehr…

Jaja, es klappt also und nun ruhe ich mich hier aus, warte auf Manu und freue mich auf den Abend. Er ist in meinem Alter,  wohnt allein in einer großen Altbauwohnung und arbeitet wahnsinnig viel.
Vielleicht ist auch das der Grund für seine Begeisterung mir gegenüber…. schon vor Tagen fand er mich im Internet und schrieb mir täglich irgendwas.
Er freut sich total mir helfen zu können,  sagt er immer und träumt irgendwie auch von einem Leben auf Wanderschaft.
Ich solle ihm heute Abend einiges erzählen, bei einer guten Flasche Rioja… Katalanische Abende allerdings dauern in der Regel immer so bis drei Uhr Morgens.

Mal sehen was kommt, morgen kommt es laut Wettervorhersage zu einem Umbruch, Kälte und Regen sollen uns erinnern,  dass es eigentlich Anfang November ist, was hier nur zu leicht in Vergessenheit geriet;  bis 28 Grad bei unglaublich blauen Himmel war es hier wochenlang…

Morgen, ausgerechnet dann wo ich nochmal in die total hohen Berge will, nach Andorra dem seltsamen Fürstentum in den Pyrenäen.

Sattgegessen mit Unmengen an Weißbrot mit Oliven, dazu Obst und Schokolade,  gehe ich jetzt nochmal raus ins Abendlich – Finstere Manresa.
Noch ist es warm wie im August…….

Spanien / Barcelona

Zwischen meinen Besuchen bei den Gastgebern, streife ich durch die sonnige Stadt, treffe dort z.B. Tim, einen Deutschen Auswanderer, der mich zu einem Stadtrundgang einlädt und mir das wohl imposanteste Bauwerk der Stadt zeigt: Die Sagrada Familia, ein nimmerfertiger Kirchenneubau, gerade mal vor hundert Jahren angefangen in seiner Errichtung.

Da ich aber schon morgen wieder weiterziehe, um das kleine Land Andorra zu finden, verabrede ich mich mit Tim für später,  wenn ich nochmal nach Barcelona zurück muss, um dann anschließend die Küstenstraße in Richtung Valencia zu nehmen. Dort in seinem kleinen Zimmer mitten in Barcelona kann ich dann übernachten.
Nötig sind sichere Unterkünfte hier allemal; die Kriminalität in der Stadt ist wirklich heftig. Kaum wird es dunkel kommen sie schon…. seltsamste Gestalten, wirr, gekrümmt und seltsame Geräusche von sich gebend verbreiten sie Angst und Schrecken in meinem Wanderleben. So ist es vielmehr der urbane Jungle, als der finstere Wald in der Natur, welcher mir das Fürchten lehrt; Besoffene und Bekiffte Jungs machen pünktlich zum Dunkel werden, die schöne Stadt zum Freiwildgehege in dem wieder einmal klar wird, dass der Mensch das schrecklichste Raubtier ist.
Deshalb darf ich bloß nicht am Strand schlafen, auch wenns so schön warm ist. Selbst die Polizei geht da nicht zimperlich vor; Feride wusste mir von wüsten Aktionen gegen verirrte Touristen am nächtlichen Strand zu berichten, die dort im Suff ihre Nachtruhe suchten.
Aber auch Tim sparte nicht mit Erzählungen: Er wurde nächtens überfallen von mehreren arabischen Jungs, die ihm auf dem Heimweg von der Arbeit auflauerten.

Ich schaue jetzt aus dem Fenster hier in der so lebendigen Altstadt und bin so froh hier zu sein. Mal sehen was morgen wird, entweder ich übernachte in Manresa, einer Stadt 80 Kilometer weit weg von hier, oder – sollte es nicht klappen, werde ich weiterziehen, noch einmal kurz nach Norden in die hohen Berge nach Andorra, dort bin ich schon eingeladen. Aber zuvor wandere ich noch durch die hohen Berge ins kleine Reich und Zelte in der kargen Wildniss.
Danach werde ich irgendwann hier wieder berichten….