Italien -Region Kampanien- (22.11.2014)
Was denkt ihr sofort über Neapel?
Klar, bei uns als auch in ganz Italien sagt jeder sofort: Napoli ? ….MAFIA !!!
Auch ein Klischee? Nein, ganz klar real, wenn auch für 95% der Bevölkerung nahezu unsichtbar. Es sei denn man hat ein Geschäft, ein Restaurant oder Kneipe, dann dauert es nicht lang und ein sehr “napolitanischer” Besuch schreitet über die Schwelle; die “Pizzo” ist fällig, ein oft überschaubarer Betrag als Schutzgeld, – oft dem Schutz gegen die eigene Gewalt, aber auch gegen andere Unannehmlichkeiten jenseits von Recht und Ordnung.
Es kommt immer wieder vor, dass Geschäftsinhaber die Pizzo verweigern, was aber schnell zu kaputten Schaufenstern und sonstigen Schäden führt, sowas setzt sich dann gesteigert fort und kann – ich erinnere mich noch an einer Story von meinem Tessinischen Freund Frenk, der einen Bekannten hat dessen Pizzeria letztendlich in ein Flammeninferno ihr Ende fand…. er weigerte sich bis zuletzt die Pizzo zu zahlen….
Auch die Polizei ist dermaßen tief in mafiösen Machenschaften verstrikt, dass eine Anzeige völlig aussichtslos ist; als Witz versteht sowas ein Neapolitaner und lacht laut über sowas. Komischerweise wird hier in den Gassen die “Camorra” (so heißt die kampanische Mafia hier) als unüberwindbare, chronische Krankheit toleriert. Schimpfen und fluchen – das können die hier alle gut… ist genauso erlaubt, als offen in den Medien über die Camorra zu sprechen; trotz der nahezu traditionellen Verknüpfungen der Mafia mit Politik und Wirtschaft, wehrt sich die Zivilkultur mehr und mehr dagegen; Mafiajäger, fast schon prominent, sind gefährdeter als so manch Islamistischer Top Terrorist auf den Listen der US Geheimdienste und leben wie manch Mafiosi komplett abgeschirmt.
Seit den fünziger Jahren, wo mit dem legendären Neapolitanischen Bürgermeister Achille Lauro (wurde sogar von der Römischen Zentralregierung abgesetzt…) eine beispiellose Verflechtung der Camorra mit dem kommunalen Leben der Stadt sowie der Provinzregierung einherging, baute die in verschiedenen Familien-Clans organisierte Verbrecher Kultur ihrer Netzwerke bis heute aus; Immobilien und Bankgeschäfte im Großen, Drogenhandel, Prostitution und Schutzgelderpressung im Kleinen machten Napoli zum Sudkessel des Verbrechens in ganz Italien, bis 1992, wo endlich ein starker Bürgermeister mit Hilfe einer erstarkenden Zivilen Geselschaft aus der Mitte der Neapolitanischen Bevölkerung, schrittweise mit der extremen Korruption tatsächlich Abhilfe schaffte.
Die Camorra weichte aus, okkupierte nahezu den gesamten Müllsektor und schaffte somit ab 1994 den neuen Zweig der “Müllmafia”.
Hunderte illegale Mülldeponien innerhalb der städtischen Bereiche in und um Napolis sorgten für neue Skandale, die als Nationales Politikum in einem maximalen Müllnotstand es sogar bis in Ausländische Medien schafften; Napolis lädierter Ruf wurde mal wieder völlig bestätigt.
Erst 2008 ist dank vielfältiger Anstrengungen die Lage etwas entschärft; die Müllentsorgung läuft zwar eher schlecht als recht, funktioniert aber einigermaßen heute. Napoli wirkt in weiten Teilen, besonders in den reicheren Vierteln völlig sauber.
Dennoch ist der Schaden groß: Hochgiftiger Industriemüll aus Norditalien gährt weiterhin gleich neben den tristen Hochhäusern der Vororte. Eine Lösung die ganzen Gifthaufen zu beseitigen ist nicht in Sicht….
Und noch heute wuchert sich noch, dort wo die Nährböden am besten dafü sind, z.B. in Scampia, einem Vorort drei Kilometer nördlich der Innenstadt. Hier drängen sich in schrecklichen Vierteln alten sozialen Wohnungsbaus der 60er Jahre über 70.000 Menschen, davon die Hälfte illegal, gröstenteils Roma (Zigeuner) die wie in Afrikanischen Slums vergessen lassen, dass wir uns hier in Europa befinden.
Genau hier herrscht sie noch komplett, hier gelten die Gesetze der Camorra, so sehr dass noch heute die vor einigen Jahren tobende “Fehde von Scampia” international Schlagzeilen machte; organisiert in (oft italienischen) Familienclans, die jeweils zusammen mit externen (Roma) Helfern, eine Gruppe (Clan) innerhalb der Camorra bilden, geraten verschiedene dieser Clans aneinander, mit der Folge kriegsähnlicher Zustände.
Zwar ist die Camorra herarchisch aufgebaut, doch klare Positionen gibt es offenbar keine, gleich mehrere “Paten” teilen sich die Geschäfte untereinander auf. Gott bewahre Scampia wenn so ein Gleichgewicht ins wanken gerät….
(Bild: Gasse in der Innenstadt Napolis. Keiner redet drüber, aber fast jeder der ein Laden hat, zahlt sie: die Pizzo, eine art Mafia-Steuer)