Italien -Region Kampanien-  (22.11.2014)

Im morbiden Charme steht sie immernoch würdevoll aufrecht, die Galleria Umberto 1 mitten im Zentrum Napolis.
Gegenüber des weltberühmten Opernhauses (Napoli hat alles…) Teatro San Carlo, wurde im Rahmen einer großen Stadterneuerung – damals tobte die Cholera hier, vor 124 Jahren diese Einkaufspassage gebaut, nach dem Vorbild der Galleria Vittorio Emanuelle in Milano, eine ganz moderne Sache zu dieser Zeit.

Doch im Gegensatz zu Milano, was im reichen Norden der Republik liegt, bröckelt hier der Putz; teuer und nicht zeitgemäß, in Tagen gigantischer Malls die eher für’s Auto zugeschnitten sind, ist die Restaurierung solcher Bauten die zudem komplett Denkmalgeschützt keine “Innovationen” zulassen.

Im Innern werde ich erstmal gleich von zwei Bettlern angeschnorrt, gib dem Nigerianer 50 Cent, flüchte aber vor der 15 Jährigen Roma, die jetzt aber auch was haben will…. ich denke die hat andere, bessere Perspektiven als der wahrscheinlich “illegale” aus Afrika.

…. Szenen aus der Galleria ….

Italien  -Region Kampanien-  (22.11.2014)

Ahhh ja:  Fisch, bunt ja metallisch schimmernde Kalmare, und Oktopus (links unten) im Angebot.
Grausam: Ein Käufer stopft einen großen, noch lebenden Oktopus in eine total enge Plastiktüte, schmeißt diese in seinen Korb…. 
Nicht immer schön was man hier zu sehen bekommt…

Am liebsten würde ich einige davon kaufen um sie sofort wieder im Meer zu befreien….

Italien  -Region Kampanien-  (22.11.2014)

Kleine Fischmärkte längs des Hafens geben noch das alte Napoli wieder. Früher gab es alle 100 Meter ein reges Treiben hier, wenn die Fischer zum Vormittag vom Meer zurückkehren.
Heute sehe ich am Horizont die riesigen Fabrikschiffe wie Inseln in der Ferne. Die übernehmen den Job gegenwärtig in der Masse. Da wunderts mich schon dass überhaupt noch was für die kleinen Boote ins Netz geht….

Da schaue ich mal genauer nach…

(Bild: Links entwirren die Fischer ihre langen Netze, rechts wird lautstark gehandelt.)

Italien -Region Kampanien-  (22.11.2014)

Neapolitanische Impressionen: Ein Angeler am Hafen neben einer Heiligenstatue, die spontan von gläubigen Anwohnern oder den Fischern hier aufhestellt sind und mit Blumen umhangen werden.
Während wohl in Deutschland sowas dem Vandalismus schnell zum Opfer fiele, besteht in Italien ein tiefer Respekt, selbst bei nicht gläubigen Jugendlichen.

Italien -Region Kampanien-  (22.11.2014)

Und das noch: Der “Astronauten Jesus von Napoli” … so nenne ich den mal jezt, finde ich ganz witzig; offensichtlich reichten die Mittel zur restaurierung der uralten Fresken nur für den Kopf des Messias.

Von Däniken würde jetzt sofort sagen: Schaut her, und er war doch ein Außerirdischer……

(Bild: Fresko im Dom von Napoli)

Italien -Region Kampanien-  (22.11.2014)

Wohnzimmer-Barock nenne ich gern die Kunst im hinteren Querteil des Neapolitanischen Doms. Wie alte Tapete mit runden, großen Portraits dazwischen, unterscheidet sich der Charakter etwas von “herkömmlichen” Barockwerken. Immer wieder richtig: Jede Kirche ist so anders, und selbst nach dieser Trunkenheit römischer Fülle und Vielfalt während meiner Erkundungstouren in der Haupstadt, freue ich mich das hier noch zu merken.

Napoli hat nicht diese extreme kulturelle Überlaufendheit wie Rom, ist aber irgendwie als Stadt noch schneller, noch energiegeladener, wenn auch nicht vielfältiger.

Rom und Napoli, beide von ähnlicher Größe, liegen nur knapp 200 km auseinander, sind aber so unterschiedlich wie Hamburg und München.

Italien  -Region Kampanien-  (22.11.2014)

Ach Napoli, was kann ich noch alles über dir erzählen…..
Ganz abseits der Camorra ziehe ich meine Bahnen durch die so lebendigen Viertel dieser Stadt. Bin überrascht von der Einfachheit der Frontfassade des Doms zu Neapel.
Auch hier hat sich jüngst was getan: Papst Franziskus sprach sich deutlicher als alle anderen vor ihm gegen den Kult der in der (Süd)italienischen Kultur so verwurzelten Mafia aus, exkommuniziert alle Katholiken aus der Kirche, die Mitglieder einer Mafiaorganisation sind.
Tatsächlich, und wie soll es auch anders sein, waren Kirche und organisiertes Verbrechen in Süditalien nie ein großer Wiederspruch; als “ehrenwerte Gesellschaft” titulierten sich gern einst ranghohe Mitglieder z.B. der sizillianischen Cosa Nostra in ihrer gesellschaftlichen Rechtfertigung gegenüber der Kirche.

Die jetztige Message des Papstes allerdings geht weiter, lässt hoffen dass wirklich Mafia-nahe Prister gefeuert werden, Priester die jene trauen, deren Kinder taufen oder sonstig kooperieren, die zu einem der “vier Großen” gehören, den vier Mafiagruppen in ihren jeweiligen Regionen.

Letztlich muss ich noch, der Übersicht halber, diese vier Mafias aufzählen:

In Kampanien wie schon erwähnt die “Camorra”

In Kalabrien die “Ndrangheta” (momentan sehr stark, über Norditalien bis nach Deutschland aktiv)

Auf Sizilien: Cosa Nostra.

In Apulien:  Sacra Corona Unita.

Die Machenschaften überschneiden sich zwar in internationalen Geschäften, teils auch in Norditalien, sind aber im Süden des Landes streng auf die jeweilige Region beschränkt.

Italien  -Region Kampanien-  (22.11.2014)

Was denkt ihr sofort über Neapel?

Klar, bei uns als auch in ganz Italien sagt jeder sofort: Napoli ?  ….MAFIA !!!

Auch ein Klischee? Nein, ganz klar real, wenn auch für 95% der Bevölkerung nahezu unsichtbar. Es sei denn man hat ein Geschäft, ein Restaurant oder Kneipe, dann dauert es nicht lang und ein sehr “napolitanischer” Besuch schreitet über die Schwelle; die “Pizzo” ist fällig, ein oft überschaubarer Betrag als Schutzgeld, – oft dem Schutz gegen die eigene Gewalt, aber auch gegen andere Unannehmlichkeiten jenseits von Recht und Ordnung.
Es kommt immer wieder vor, dass Geschäftsinhaber die Pizzo verweigern, was aber schnell zu kaputten Schaufenstern und sonstigen Schäden führt, sowas setzt sich dann gesteigert fort und kann – ich erinnere mich noch an einer Story von meinem Tessinischen Freund Frenk, der einen Bekannten hat dessen Pizzeria letztendlich in ein Flammeninferno ihr Ende fand…. er weigerte sich bis zuletzt die Pizzo zu zahlen….

Auch die Polizei ist dermaßen tief in mafiösen Machenschaften verstrikt, dass eine Anzeige völlig aussichtslos ist; als Witz versteht sowas ein Neapolitaner  und lacht laut über sowas. Komischerweise wird hier in den Gassen die “Camorra” (so heißt die kampanische Mafia hier) als unüberwindbare, chronische Krankheit toleriert. Schimpfen und fluchen – das können die hier alle gut… ist genauso erlaubt, als offen in den Medien über die Camorra zu sprechen; trotz der nahezu traditionellen Verknüpfungen der Mafia mit Politik und Wirtschaft, wehrt sich die Zivilkultur mehr und mehr dagegen; Mafiajäger, fast schon prominent, sind gefährdeter als so manch Islamistischer Top Terrorist auf den Listen der US Geheimdienste und leben wie manch Mafiosi komplett abgeschirmt.

Seit den fünziger Jahren, wo mit dem legendären Neapolitanischen Bürgermeister Achille Lauro (wurde sogar von der Römischen Zentralregierung abgesetzt…) eine beispiellose Verflechtung der Camorra mit dem kommunalen Leben der Stadt sowie der Provinzregierung einherging, baute die in verschiedenen Familien-Clans organisierte Verbrecher Kultur ihrer Netzwerke bis heute aus; Immobilien und Bankgeschäfte im Großen, Drogenhandel, Prostitution und Schutzgelderpressung im Kleinen machten Napoli zum Sudkessel des Verbrechens in ganz Italien, bis 1992, wo endlich ein starker Bürgermeister mit Hilfe einer erstarkenden Zivilen Geselschaft aus der Mitte der Neapolitanischen Bevölkerung, schrittweise mit der extremen Korruption tatsächlich Abhilfe schaffte.
Die Camorra weichte aus, okkupierte nahezu den gesamten Müllsektor und schaffte somit ab 1994 den neuen Zweig der “Müllmafia”.
Hunderte illegale Mülldeponien innerhalb der städtischen Bereiche in und um Napolis sorgten für neue Skandale, die als Nationales Politikum in einem maximalen Müllnotstand es sogar bis in Ausländische Medien schafften; Napolis lädierter Ruf wurde mal wieder völlig bestätigt.
Erst 2008 ist dank vielfältiger Anstrengungen die Lage etwas entschärft; die Müllentsorgung läuft zwar eher schlecht als recht, funktioniert aber einigermaßen heute. Napoli wirkt in weiten Teilen, besonders in den reicheren Vierteln völlig sauber.
Dennoch ist der Schaden groß: Hochgiftiger Industriemüll aus Norditalien gährt weiterhin gleich neben den tristen Hochhäusern der Vororte. Eine Lösung die ganzen Gifthaufen zu beseitigen ist nicht in Sicht….

Und noch heute wuchert sich noch, dort wo die Nährböden am besten dafü sind, z.B. in Scampia, einem Vorort drei Kilometer nördlich der Innenstadt. Hier drängen sich in schrecklichen Vierteln alten sozialen Wohnungsbaus der 60er Jahre über 70.000 Menschen, davon die Hälfte illegal, gröstenteils Roma (Zigeuner) die wie in Afrikanischen Slums vergessen lassen, dass wir uns hier in Europa befinden.
Genau hier herrscht sie noch komplett, hier gelten die Gesetze der Camorra, so sehr dass noch heute die vor einigen Jahren tobende “Fehde von Scampia” international Schlagzeilen machte; organisiert in (oft italienischen) Familienclans, die jeweils zusammen mit externen (Roma) Helfern, eine Gruppe (Clan) innerhalb der Camorra bilden, geraten verschiedene dieser Clans aneinander, mit der Folge kriegsähnlicher Zustände.
Zwar ist die Camorra herarchisch aufgebaut, doch klare Positionen gibt es offenbar keine, gleich mehrere “Paten” teilen sich die Geschäfte untereinander auf. Gott bewahre Scampia wenn so ein Gleichgewicht ins wanken gerät….

(Bild: Gasse in der Innenstadt Napolis. Keiner redet drüber, aber fast jeder der ein Laden hat, zahlt sie: die Pizzo, eine art Mafia-Steuer)

Italien  -Region Kampanien-  (22.11.2014)

“Neapolis” – damals von den Griechen gegründet, die überall in Süditalien vor über 3000 Jahren die Küsten besiedelten, wurde in ihrer Vorgängersiedlung “Parthenope” ungefähr zur gleichen Zeit wie Rom gegründet, also vor 2700 Jahren, und war der Anfang dieser Stadt.
Dennoch ist aus antiken Zeiten nicht viel übrig heute, da der Vesuv, Kriege und Erdbeben die Gegend oft verwüstet hatten, nur die vielen Katakomben unterhalb der Altstadt gibt es noch; ganze Höhlensysteme im weichen Tuff und Vulkanstein, auf dem Napoli steht und erbaut ist, verzweigen sich weit.
Ich konnte da soger hineinsteigen, doch ein saftiges Eintrittsgeld stoppte die Aktion promt. Da kaufte ich mir lieber ein schönes Eis.

Italien  -Region Kampanien- (22.11.2014)

Kampanien (Campania) – wieder ein neues Land im Land.
Italien, dieses “Schwerpunktland” meines Weltweges, ein mini Kontinent mit vielen Ländern ist überhaupt deutlich gespalten in Nord und Süd.
Hier in Kampanien, der Region gleich südlich von Lazio mit seiner Metrople Rom, kommen all die Klischees des tiefen Südens deutlich hervor; alles ist hier nochmal chaotischer, alles ist hier noch etwas “wilder” geraten als noch in Bologna oder Milano.
Auf den Straßen Napolis, die mich eher an jene Indischer Metropolen erinnern, jagen Zweiräder über rote Ampeln, parken Autos in der dritten Reihe, wühlen Bettler in riesigen Müllhaufen am Straßenrand, suchen sich Pappkartons als Matratzenersatz für die nächste Nacht.
Geschliffenes Pflaster, oft durcheinander gelegt, wulstiger Asphalt, klapperige Gullideckel aber auch wieder korrekte Sauberkeit, die sich wie ein unterdrücktes Immunsystem immerwieder zwischendurch durchsetzt, beobachte ich von vornerein als was ganz normales für diese Stadt, während in Rom noch der eine oder andere Müllhaufen als Mißstand erachtet wurde, akzeptiere ich die wüsten Haufen aus Pappkartons auf den Bürgersteigen Napolis irgendwie. Dem bekannten Klischees wohl sei dank.

Napoli aber ist extremer als alle anderen Städte im Land; mit genau einer Million Menschen im eigentlichen Verwaltungsbereich auf nur 117 Qadratkilometer (gerade mal doppelt so viel Raum wie meine Heimatstadt Recklinghausen mit 115.000 Ew.) und drägen sich hier dermaßen dicht, wie es in Europa nur noch Barcelona schafft.
Um Napoli verflechten sich auf engstem Raum über 40 weitere Städte, die zusammen eine Metropole von über 3,1 Mio ergeben, größer also als Hamburg, was hier auch deutlich zu spüren ist.
Napolis Hafen gilt als der größte in Italien, Industrie und gleich sechs Universitäten schaffen es aber immernoch nicht Napoli aus den Negativschlagzeilen zu heben; Arbeitslosigkeit und eine legendäre Korruption sind auch heute nach vie vor ein chronisches Problem der Stadt.
Dennoch strömen wieterhin ständig neue Zuwanderer aus Asien und Afrika in die übervolle Stadt, bauen im Zentrum ihrer mobilen Schwarzstände auf, und ziehen Abends zurück, teils in die verwahrlosten Vororte deren Kriminalstatistik mit denen Südamerikanischer Metropolen vergleichbar ist.

Napoli ist natürlich bei seiner Größe, das Herz Kampaniens.
Schon zur Römerzeit war die Region bekannt und wichtig wegen seiner fruchtbaren Böden; Getreide und Wein aus Kampanien versorgten das alte Reich schon damals, köstlicher Zitronenlikör aus dem Sorrento, nahe den Steilküsten mit ihren vorgelagerten Inseln Capri und Ischia, die heute dem teuren Massentourismus zum Opfer fallen, sind was typisches für die Gegend.

Das alles überragt vom absoluten Markenzeichen: Dem Vesuv, der alte Vulkan der seit 17.000 Jahren geologisch zwar noch jung, aber seit Menschengedenken ein Teil dieser starken, unverwechselbaren Gegend in Italien ist.

(Bild: Noch geschafft: Der Wettlauf gegen die Zeit, es dunkelt ja schon um vier und der Blick von der hohen Burgfestung Castel S. Elmo, über Napoli muss noch bei einigermaßen Licht schweifen. Gut eine Stunde kämpfte ich mich dem Gewirr von Serpentinen hinauf, verlief mich oft, wollte aber partout nicht diese Lifte nutzen, die zwar nur 1,50€ kosten, aber mir das Gefühl nehmen, frei und ohne Bezahlereien einen Ausblick über die Stadt zu schaffen.)