So, heute ist mein (fast) freier Tag, und habe nur eine gute Stunde schaffen müssen. Die Knochen tun weh, und überall habe ich blaue Flecken an den Beinen und Armen sowie Kratzer als hätte ich mit einem Puma gekämpft.
Dabei hatte ich lediglich so ziemlich alles an Bäumen und Hecken beschnitten, was auf dieser Farm zu finden war…
Uff, jetzt faulenze ich endlich in meinem muffigen Mehrbettzimmer und warte auf morgen, dann geht’s wieder nach Glasgow wo ich nochmal über Nacht bleibe, werde dort schon jemanden finden der mich bei sich aufnimmt. Immerhin leben dort ja über 1, 2 Millionen Menschen…
Momentan bin ich echt sauer auf Couchsurfing, jenes von mir zuvor hochgepriesenes Gastgreundschaftsnetzwerk im Internet, was mir private Übernachtungen ermöglicht in all den Orten meines Weges.
Dort hat sich in letzter Zeit einiges geändert. Für jede Anfrage auf eines der örtlichen Personen-Profile einer Stadt meiner Wahl, soll ich eine ausführliche Begründung meines Besuchs in eben dieser Stadt verfassen, um überhaupt an die Profile der Gastgeber zu kommen.
Ist das nach einiger Zeit geschafft, darf ich kir jemanden aussuchen und schreibe sie/ihn an. Doch damit nicht genug, ich soll nun auch ausführlich begründen, warum ich gerade diese Person ausgesucht habe; ziehe mir also irgendwas an den Haaren herbei, da ich ja die Person nicht kenne, lediglich Bilder und Hobbys anschauen kann, was aber auch wiederum nicht zu sehr ins persönliche gehen darf (!) da Couchsurfing mit aller Ausdrücklichkeit darauf hinweist, kein Kontaktportal für die Partnersuche zu sein. Sowas sei hier verpönt.
Ja was den jetzt?
Also schreibe ich dann eine Begründung, verrichte somit vor meinen potentiellen Gastgeber einen virtuellen Kniefall, schreibe und schreibe; schließlich muss ich ein gewisses Pensum vollmachen, da sonst die Anfrage wegen einer zu kurzen Begründung nicht versendet werden kann.
Das Ende vom Lied ist, das es hiermit nun wirklich zu Ende ist; 70% aller Anfragen die ich auf diese Weise mache, werden nicht beantwortet und gehen ins Leere.
25% werden abgelehnt, oft aus Zeitgründen, aber zumimdest im freundlichen Ton.
5% sagen dann zu und ich kann mich freuen.
Somit muss man nahezu um eine “Couch” betteln, schöne Argumente liefern, sich regelrecht bewerben.
Sowas kann man ja alles noch verkraften, wenn es den nicht der Regelfall ist, sich pro Stadt bei durchschnittlich 15 Gastgebern zu melden….
Grundsätzlich gilt, große Städte sind am schwierigsten. Vor allem in Touristenorten werden die Profile eingetragener Gastgeber regelrecht mit Anfragen überschwemmt, was die mangelhafte Antwortrate umgekehrt begründet.
Bei aller freundschaftlicher Wortwahl und Speichelleckerei die ich dem potentiellen Gastgeber entgegenbringen muss, hieß es in einer der ohnehin spärlichen Antworten: “Na dann biel Spass bei der Suche”.
Selbstverständlich wurden meine Beschwerdemails an die Website Couchsurfing.com, das Ganze etwas fairer und vor allem unbürokratischer für Gäste zu gestalten, nicht beantwortet. Damit stehen sie ganz in der Tradition dieses eigentlich wunderbaren und praktischen Netzwerkes.
Als ich die Tage kurz in Glasgow war und einer der hochbegehrten Schlafplätze zum Nulltarif mit persönlichem Anschluss ergatterte, erzählte mir ein weiterer Couchsurfer ( wir teilten uns die Adresse ) er hätte allein für Glasgow 20 Anfragen erstellen müssen für diesen Treffer.
Fazit des ganzen: Couchsurfing hat seinen Reiz verloren. Zwar versuchen die Betreiber den Gastgeber mit all diesen Formalien zurecht vor Anmache und dummen Fragen zu schützen, doch kann dieser sich in diesem Fall ganz sicher selbst wehren, und Spammails ignorieren.
Naja, da ich schlicht keine Zeit habe, täglich stundenlang im Internet zu hängen um wildfremde Menschen zu schreiben, wie toll sie sind, nehme ich allmählich Abstand vom ehemals geliebten Couchsurfing und übe mich im “Analogcouchsurfing”, dem finden von Gastgebern auf der Straße, in der Kneipe oder sonstwo.
Das ist mittlerweile wesentlich einfacher.