Viva Polonia – 800 km zu Fuß durch Polen (22.11.2015) Stadt: Lodsch ……….. (700.000 Einwohner )

Nee, keine Wanderkarte, sondern die Anbaugebiete der Baumwolle für Lodsch, aber auch für Deutschland. England, der damalige “Cotton-King” hatte mit seiner Kolonialstellung in Indien den wohl größten Baumwollproduzenten überhaupt inne, deshalb zündete dort auch alles viel früher.

Viva Polonia – 800 km zu Fuß durch Polen (22.11.2015) Stadt: Lodsch ……………… ( 700.000 Einwohner )

Na, und an solchen Stahlgeräten ratterte damals Omas Abendkleid in Fertigung, zumindest als schlichtes Tuchwerk, das aus dem Baumwollgarn gesponnen wurde. Ganze Hallen füllten solche Maschienen (Bild im Hintergrund) und waren eine Grundlage der ersten industriellen Revolution in England schon vor 230 Jahren, etwas füher als hier (damals Kongresspolen). Gut 100 Jahre lang bestand diese Industrie in Lodsch, machte die Stadt sehr groß und reich.

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Ich krieg mich nicht mehr ein und will’s genauer wissen: Im kleinenTextil Museum vom Manufaktura (Eintritt: 1,80€) gucke ich mir mal diese Baumwolle an, worum sich damals hier einfach alles (im wahrsten Wortsinn) drehte; flauschig weich, stecken die Puschel an diesen Zweigen…. so sind die natürlich hier nicht angekommen. In Blöcken gepresst wurde das “weiße Gold” damals Waggonweise von schweren Dampflokomotiven herbeigeschafft aus dem fernen Orient. In Lodsch, Berlin oder Manschester Massenhaft verarbeitet, die ersten Industrien unserer Breiten wurden erschaffen, schließlich braucht ja jeder Klamotten am Leib. Baumwolle kann in Europa kaum wachsen, ist eine subtropische/tropische Pflanze die ihre Sämlinge zum Schutz mit einem Büschel Naturwolle (Samenhaare) schützt. Das erkannten schon vor 8000 Jahre zuerst die Menschen in Indien – zuvor wurden Tierfelle verwendet, und knüpften, webten dann grobe Stoffe aus dem wiederstandsfähigen, pflanzlichen Zeug was teils überall wild herumwuchs. (Wilde Baumwolle) “Baumwolle” passt übrigens wörtlich nicht wirklich; bis zu 5 – 6 Meter wird ein solcher Strauch und ist somit alles andere als ein Baum. Würde sich aber als “Strauchwolle” irgendwie doch zu billig anhören, oder?

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Eines der gewaltigsten historischen Industriebauten Europas. Und das sage ich als jemand vom Ruhrgebiet. Ganz hinten “The Mill” das lange Hauptgebäude flankiert zur Hauptstraße das Areal. Erinnerungen an Manshester werden wach (siehe Wanderleben-Archiv/England) wo ich noch in einer “Mill” zum Couchsurfen war…. (Bild: links, das Feuerwehrhaus, vorne das Stromhaus vom Jahr 1910, ganz hinten das riesige Spinnereigebäude, heute exakt hundert Jahre älter als ich: 137 Jahre.)

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Heute herrschen hier weniger die Bosse großer Fabriken, sondern Mc Donalds und Media Markt geben hier den Ton an: Manufaktura heißt das alte Fabrikgelände heute, umgewandelt im Zuge eines ohnehin großen Transformationsprozesses den Lodsch seit ca. 10 Jahre erlebt, wurde hier das größte Einkaufszentrum Polens aus dem Boden gestampft. Ich bin ergriffen von solch einem gelungenen Übergang von einer Zeit in die nächste; die historische Kulisse behält ihre Würde, und auch gewaltige Glasfronten wirken eher transparent als abweisend. Im “Bierhaus” trinke ich für 2,20€ ein Großes vom Fass, – selbstgebraut vor Ort. …Ein Hauch Potsdamer Platz-Feeling wie im neuen Berlin…(Bild: Neugestaltung maroder Industrieruinen erfolgreich: Das Wahrzeichen von Lodsch, der Einkaufspark Manufaktura)

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Manufaktura – das Wahrzeichen der Stadt, wenn man so will, einer der Keimzellen des großen Lodsch. Im Jahr 1872 erbaut, über Jahre als Komplex erweitert ging hier richtig die Arbeiter-Elend Post ab, zu Tausende in den Hallen wurde hier oft in 15 Stunden Schichten sieben Tage die Woche humaner Raubbau betrieben. Heute haben wir ja sowas in Bangladesch, wenn auch dort die Fassaden der Fabriken bei weitem nicht so schön verbergen, was im innern passiert.

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Es ist wie in Berlin 1996, als ich damals mit 18 zum ersten mal da war: Marode, alt, überall Patina doch dennoch prunkvoll in bröckelnder Pracht die mächtigen Fassaden im Jugendstiel, oder klassizistisch, ja Feudal wie so manch Stadtanwesen damaliger Industrieller wirkte. In Ost-Berlin abseits vom Alexanderplatz damals, wie auch in Lodsch noch heute; nahezu Baufällig die alte Zier, supermodern mal der eine oder andere Ytong-Wohnblock nebenan, bedrohlich das alte, sozialistische Unschöne, sowie die weiten Blicke dazwischen, ob über zertrümmerten Waschbetonpflaster der 50er, oder festgetretendem Erdreich großer, urbaner Freiflächen, zugestellt mit Autos, erinnert mich der morbide Charme in Lodsch an mein altes Berlin, wo ich einst noch im “Hostel Adler” direkt an der Friedrichstraße für 10 Mark ein Bett fand, wo die Straßenbahnen noch so aussahen wie hier, und damals wie heut so dröhnend über löcherige Straßen grollten. Dieses Berlin gibt es heute nicht mehr. Aber deses Lodsch allerdings schon….