Spanien / Region Murcia

Etwas verloren, ziehe ich weiter durch die nicht enden wollende Wildwest-Landschaft, freue mich aber auch über das Panorama in seiner Langsamkeit Menschlichen Schritttempos.
Ich schreite auf der “Rambla de Los Miñarros”, eben einer bekannten Panoramastraße, was allerdings auch immer mehr Testosteronjunkies wissen und mit ihren PS-starken Rennmaschienen aprupt für ein Ende der friedlichen Ruhe sorgen; manchmal mit 200 fetzen sie nur zwei Meter an mir vorbei, zerreißen mit einem entsetzlichen Lärm (jeder will wohl der lauteste sein) den Frieden.
Zum Glück aber verschwinden sie soch schnell wie sie kommen… jajajaja, ich denke jetzt natürlich auch an meinem Papa, der macht genau sowas auch, auch er hätte hier seine helle Freude,  würde wenn es geht sogar mit Raketenantrieb die Schallmauer zerfetzen, dass die Berge erzittern…..

Aber auch andere Charaktere bietet mir der Weg: Einsam und verlassen zieht dieser Wandersmann weit vor mir längs der langen Straße,  ich hole auf und komme sofort ins Gespräch;  Sergej, ein Russe aus der Nähe von Volgograd (ehemals Stalingrad) läuft schon seit Jahren zu Fuß durch Europa.  Im Gegensatz zu mir lebt er fast ganz ohne Geld, erzählt mir im gebrochenen Englisch manchmal Regenwürmer zu essen, Wurzeln und sonstiges,  einfach um zu überleben.
Ein wirklicher Aussteiger also, der keine Hilfe von jemandem annehmen will.
Sergej will es mal bis nach Brasilien schaffen, dort im Amazonas-Regenwald “Überleben”, wie er immer gern betont.
Doch jetzt wandert er täglich 40 – 50 Kilometer in doe gleiche Richtung wie ich, nach Südwesten bis  Gibraltar,  was danach kommt,  wisse er noch nicht.
Ich bin fasziniert,  da mein Wanderleben im Vergleich zu seinem eher Komfortabel daherkommt,  er wolle auch garnicht bei fremden Leuten in der Wohnung schlafen, (so wie ich es mache) und zieht die Nacht unzer freien Himmel vor. Sergej liebt die Natur, wolle von ihr leben.
Nunja, ich bin dennoch misstrauisch,  selbst beim Versuch so über die Runden zu kommen,  scheitere ich sofort; zu sehr mag ich mein Bier am Abend, meine kleinen Leckereien hier und da, sowie ein gewisses Sozialleben als Gast in all den Städten.

Aber wir sind auch als Aussteiger verschieden, die einen sind die Organisierten,  die anderen die Knallharten,  Letzteres trifft auf mich eher nicht zu…

Außerdem spaziert Sergej fröhlich ohne jegliche Dokumente durch’s vereinte Europa.  Er behauptet seinen russischen Pass vernichtet zu haben, komme eben ganz ohne aus.
Uff, ich bin stutzig,  durchschnittlich alle drei Tage “kontrolliert” mich irgendein Polizist der mich vom Straßenrand mit dem nicht unauffälligen Wanderwagen aufgabelt. Selbst dann werde ich nie dieses beklemmende Gefühl nicht los… (irgendwie machen mir diese militärisch wirkenden Cops Angst. ..)
Und nun kommt dieser Typ aus Russland (für Russen besteht eine scharfe Visapflicht in der EU) und sagt ihm könne hier niemand was.
Na, ob das so alles stimmt sei mal dahingestellt,  aber ansonsten ist er schon ein ganz heftiger Kerl.
Wir wandern zusammen noch über 15 Kilometer,  und Sergej quasselt nahezu pausenlos die ganze Zeit, ich dachte dass schon ich wirklich nicht schlecht sei, aber er kann es besser;  die längste “Redepause” dauerte keine drei Minuten….

Die einst so idyllische Straße führt mehr und mehr in die typischen Streusiedlungen, wo Zäune,  mit schäbigen, ständig laut bellenden Hunden dahinter, und jede Menge Treibhäuser das Wandern weniger erfreulich werden lässt.  Zudem bin ich auch müde, habe aber doch noch Zuversicht Aguilas zu erreichen.  Da wartet ja ein gutes Essen, eine Dusche und ein Bett auf mich.

Allerdings endet aufeinmal die Möglichkeit eines jeden Läufers und Radfahrers den Weg fortzusetzen,  da hier die “Autovia” anfängt,  also eine Autobahn wo es natürlich verboten ist weiter zu spazieren.
Offensichtlich gibt es keine Alternative,  ab hier muss man schlicht und einfach ins Taxi umsteigen,  oder einen Bus suchen. Unglaublich,  welch eine Autovernarrte Welt…
Doch da wir beide zur Kategorie “Superhelden” zählen,  stören wir uns herzlich wenig daran und setzen nun den Weg auf den wunderbar breiten Seitenstreifen der Autovia fort.
Ganze vier Kilometer schreiten wir auf verbotenen Asphalt einer zim Glück wenig befahrenen Autobahn, aber was sollen wir sonst tun ? Einfach umkehren ?
Mitnichten,  Aguilas taucht irgendwann am Horizont auf, eine herrlich am Meer gelegene Kleinstadt im Sonnenuntergang begrüßt uns.
Sergej, der sich noch irgendwo Stadtauswärts eine “Pinie” suchen will (er schläft am liebsten unter Pinienbäume, weil es dort so schön weich und Windsicher sei) zieht rechts ab, mein Weg führt weiter in die Stadt,  wo ich nicht lange brauche um die Adresse zu finden wo mich Piku und seine liebe Frau Merce empfangen….

45 Kilometer bin ich heute gegangen um dieses Ziel noch zu erreichen.  Jetzt erstmal eine tolle Dusche, uuufff, bin ich fertig jetzt…..

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