Italien  -Region Toskana-  (11.10.2014)

Heute leben in Prato 240.000 Einwohner, davon sagenhafte 55.000 registrierte Chinesen, und ungefähr 40.000 weitere die illegal, versteckt in den vielen Werkhallen um Prato 12 bis 18 (!) Stunden täglich arbeiten.
Ich bin begeistert und verwirrt, als ich längs die zwei Kilometer über die Via Pistoiese ziehe, die Hauptstraße der wohl größten Chinatowns Europas. Überall Chinesische Geschäfte, Restaurants und jede menge Gerümpel. Hier ist einfach nichts schön, alles ist rein zweckmäßig. Es riecht streng nach Fisch oder mal kräftig nach Chinesischem Essen…. allerdings, bei all der Unordnung ist es hier jedoch nicht dreckig; emsig wie Ameisen organisieren sich auschließlich Chinesen durch diese seltsame Gegend hier.
Ich lasse mich treiben, gehe in eines der vielen einfachen Esslokale und schlemme mich für unglaubliche sechs Euro satt; scharfe Sischuan-Küche und zwei Cola…. dafür bekomme ich beim Italiener ein paar Blocks weiter gerade mal eine trockene Pizzakante. Natürlich ohne Getränk…

Die Chinesen von Prato zeigen besonders markant die Wucht jener Globalisierung dieser Tage; In ihrer völligen Paralelwelt bauen sie sich fern ihrer Heimat einen komplett funktionierenden, kapitalistischen Innenraum. Anonym dringe ich durch die diffuse Wand und tauche ein, trinke noch eine dicke Flasche Tsingtau Bier und schaue dem Treiben zu.

Auf dem Heimweg sehe ich sie dann sogar: Die vermeintlichen “Höllen” der Sklavenarbeiter, die hilflos jahrelang an den Nähmaschienen sitzen und kaum dafür was bekommen, was falsch ist; ein typisch mediales Politikum verbreitet schon seit Jahren solche Meldungen, schließlich fürchtet man in Prato und ganz Italien die überfremdung.
Tatsächlich haben bis zu 3700 Chinesische Textilbetriebe die traditionelle Industrie Pratos komplett übernommen. Sowas schürt Ängste des einfachen Mannes der nicht weiß wie sehr die Mentalitätsunzerschiede auseinanderklaffen; Chinesen “funktionieren” und wollen aus eigenem Antrieb täglich sieben Tage die Woche für 15 Stunden rann. Zwischen 3000 und 4000 Euro soll ein “Sklavenarbeiter” in Pratos Werkhallen monatlich verdienen, natürlch komplett schwarz, was sich auf Dauer lohnt; kaputt aber “reich” kehren die “Sklaven aus eigenen Antrieb” wieder nach China zurück und kaufen sich ihre eigene Wohnung in der Stadt…. auch wenn es tatsächlich einige krasse Ausbeuter hier gibt, lohnt der weite Weg nach Italien noch immer für viele aus dem Reich der Mitte; “Made in Italy” zieht ungemein auf dem Ladentisch, auch wenn der billigste Stoff extra dafür aus China massenhaft eingeführt wird, zu Dumpinglöhne im Extremakkord von Chinesen verarbeitet, bleibt “Made in Italy” das große Zauberwort.

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