Italien -Region Toskana- (13.10.2014)

Weit entfernt vom pompösen Zentrum, im Vorort Scandicci habe ich bei Marco Unterschlupf gefunden, in seinem 200 Jahre alten Haus und dessen alten, authentischen Hinterhof; Italien pur und das hier im Zentrum der Toskana.
Marco spricht perfektes US-Englisch, lebte mal in New York und will aber nie mehr weg aus seiner Heimat hier. Auch wenn er auf Jobsuche ist, sei es doch nicht zu viel verlangt hier auch was zu bekommen; der Mobilitätswahnsinn unserer Zeit verlangt allerdings immer mehr des Jobs wegen seine Heimat zu verlassen…. das finde ich, geht sicherlich zu weit.

Ich hingegen ziehe mal wieder weiter, würde so gern noch länger hier bleiben; Marco und ich verstehen uns unglaublich toll, lachen viel und haben uns einiges zu erzählen. Doch wie einst bei meinem Zuhause: Ich will nicht weg von hier, ich will nur in die Welt hinaus….. das ist ein Unterschied.

Italien  -Region Toskana-  (12.10.2014)

Ein Vorbild für Jahrhunderte in Bauweise und Erscheinung: Das weltbekannte Palazzo Vecchio, der Amtspalast einer damalig großen und mächtigen Handelsnation, was der Florentinische Staat einst gewesen war, neben Venetien, Siena oder Bologna die weit vor der Gründung des (Bundes)Staates Italien (1870) für sich einflussreiche Republiken waren.
Vor genau 700 Jahren war der Bau fertiggestellt, bekam aber immer wieder das eine oder andere Facelifting verpasst, und auch das Innere ist kostenlos zu sehen, wenn auch nur das zentrale Innengewölbe und der Hof, was aber schon allein einen Besuch unbedingt lohnt. Die ganzen Museen drumherum gehören zu den teuersten im ganzen Land, leider für mich Tabuzone….

Italien -Region Toskana-

Noch ein Beweisfoto; diesmal auf der Piazza della Signoria, am Weltberühmten Palazzo Veccio, dem nächsten Wahrzeichen der Stadt. Darüber könnte ich jetzt Tonnenweise erzählen, doch eigentlich lesen sich solch Touristischen Angelegenheiten besser bei Wikipedia oder in einem der vielen Reiseführer im Detail nach…. jaja, zugegeben bin ich damit sogar überfordert, da -wie schon gesagt, die “Historisch-Touristische Fülle” einem praktisch umhaut… sooooo viel gibt’s hier zu “besichtigen”.

Einen Tag habe ich hingegen hier komplett für Florenz, eigentlich fast schon “Chinesisch” von der art des reisens; fast jeden Tag eine neue Stadt… doch es geht, ich bekomme ein gewisses Gefühl für den Ort, kann mir ein Bild machen.

Firenze, oh je…. eine Woche verlangst du mich hier zum verweilen…..

Italien  -Region Toskana-  (12.10.2014)

Ich dachte mir schon, das in der alten, ehemals so mächtigen Handelsstadt Florenz die zentrale Kathedrale ganz besonders  Pompös ausfallen wird.
Zumindest von außen dürfte es sich um einer der prächtigsten Bauten Italiens handeln. Im Innern jedoch, -wo ich wieder Erwartens kostenlos hinein gekommen bin, verlor ich mich in der Leere einer riesigen Halle, zwar reich im bunten Design mehrfarbiger Marmormosaike, aber ansonsten eher wie eine neugotische Zeppelinhalle wirkend.
Da kam mir die Kirche in Prato irgendwie fülliger vor… wobei diese hier im Florentiner Dom komplett hineinpassen würde.

Italien  -Region Toskana-  (12.10.2014)

Na wo bin ich den hier?
In FLORENZ, der Haupstadt einer Region die als einer der vielfältigsten im ganzen Land gilt. Mit weiten, grünen Bergen, satten Feldern dazwischen und den berühmten Säulenzypressen, kennen wir das klassische Toskanabild aus den Urlaubsreisen der letzten 40 Jahre.
Auch heute ströhmen sie zu Millionen ins überreiche Kulturland, die Touristen und bilden in Städten wie Florenz sogar den größten Wirtschaftsfaktor, und das bei einer Großstadt von 550.000 Einwohnern (mit angrenzenden Vororten) die Florenz (auf Italienisch: Firenze) zur siebtgrößten Siedlung im ganzen Land machen.
Eben in einem dieser völlig mit Florenz verwachsenen Orte, finde ich Marco, der mich über Planet Romeo fand und einlud. Stolz erzählt er mir vieles von seiner Heimat, in der es sich allerdings nicht immer so einfach leben lässt; Marco ist arbeitslos und permanent auf der Suche nach einem Job, das verschafft ihn aber auch Zeit, Zeit um mich an diesem Abend nach Freunde in die 30 km entfernte Stadt Pistoia einzuladen, wo ich dank guter Englischkenntnisse meiner Gastgeber, wild über die ganz große Politik diskutiere. Sowas machen Italiener liebend gern.
Samtzarte Gnocci mit Spinat und Pasteten in herzhafter, dicker Tomatensoße, lassen mich endlich wieder echt Italienisch essen, ganz viel Weißwein gehört dazu.

Hier bleibe ich wieder zwei Nächte um morgen den ganzen Tag in Florenz zu verbringen. Ich stehe mal wieder vor einem Berg, vor einem Berg voller Kulturschätze wie dieser nicht reicher und überbordener sein kann; mein Gott, was ist das für ein kompaktes Land, so voll an Kultur, Geschichte und Schönheit….

Es braucht eigentlich kein Wein um ein Gefühl des Besoffenseins in diesem Land zu verspühren; es “ertrinkt” mich allein schon an seiner Fülle, – in jeglicher Hinsicht …..

Italien  -Region Toskana-  (11.10.2014)

Heute leben in Prato 240.000 Einwohner, davon sagenhafte 55.000 registrierte Chinesen, und ungefähr 40.000 weitere die illegal, versteckt in den vielen Werkhallen um Prato 12 bis 18 (!) Stunden täglich arbeiten.
Ich bin begeistert und verwirrt, als ich längs die zwei Kilometer über die Via Pistoiese ziehe, die Hauptstraße der wohl größten Chinatowns Europas. Überall Chinesische Geschäfte, Restaurants und jede menge Gerümpel. Hier ist einfach nichts schön, alles ist rein zweckmäßig. Es riecht streng nach Fisch oder mal kräftig nach Chinesischem Essen…. allerdings, bei all der Unordnung ist es hier jedoch nicht dreckig; emsig wie Ameisen organisieren sich auschließlich Chinesen durch diese seltsame Gegend hier.
Ich lasse mich treiben, gehe in eines der vielen einfachen Esslokale und schlemme mich für unglaubliche sechs Euro satt; scharfe Sischuan-Küche und zwei Cola…. dafür bekomme ich beim Italiener ein paar Blocks weiter gerade mal eine trockene Pizzakante. Natürlich ohne Getränk…

Die Chinesen von Prato zeigen besonders markant die Wucht jener Globalisierung dieser Tage; In ihrer völligen Paralelwelt bauen sie sich fern ihrer Heimat einen komplett funktionierenden, kapitalistischen Innenraum. Anonym dringe ich durch die diffuse Wand und tauche ein, trinke noch eine dicke Flasche Tsingtau Bier und schaue dem Treiben zu.

Auf dem Heimweg sehe ich sie dann sogar: Die vermeintlichen “Höllen” der Sklavenarbeiter, die hilflos jahrelang an den Nähmaschienen sitzen und kaum dafür was bekommen, was falsch ist; ein typisch mediales Politikum verbreitet schon seit Jahren solche Meldungen, schließlich fürchtet man in Prato und ganz Italien die überfremdung.
Tatsächlich haben bis zu 3700 Chinesische Textilbetriebe die traditionelle Industrie Pratos komplett übernommen. Sowas schürt Ängste des einfachen Mannes der nicht weiß wie sehr die Mentalitätsunzerschiede auseinanderklaffen; Chinesen “funktionieren” und wollen aus eigenem Antrieb täglich sieben Tage die Woche für 15 Stunden rann. Zwischen 3000 und 4000 Euro soll ein “Sklavenarbeiter” in Pratos Werkhallen monatlich verdienen, natürlch komplett schwarz, was sich auf Dauer lohnt; kaputt aber “reich” kehren die “Sklaven aus eigenen Antrieb” wieder nach China zurück und kaufen sich ihre eigene Wohnung in der Stadt…. auch wenn es tatsächlich einige krasse Ausbeuter hier gibt, lohnt der weite Weg nach Italien noch immer für viele aus dem Reich der Mitte; “Made in Italy” zieht ungemein auf dem Ladentisch, auch wenn der billigste Stoff extra dafür aus China massenhaft eingeführt wird, zu Dumpinglöhne im Extremakkord von Chinesen verarbeitet, bleibt “Made in Italy” das große Zauberwort.

Italien -Region Toskana-  (11.10.2014)

Prato liegt nur 15 km von Florenz entfernt, ist aber dennoch recht unbekannt. Der große Nachbar Florenz stellt Prato somit völlig in seinen Schatten, wobei hier im recht überschaubaren Historischen Stadtzentrum das echte Italienische Leben zu finden ist. Auch die Preise für einen Kaffee oder die Pizza sind spürbar günstiger, den abwesenden Touristenmassen sei dank.
Prato war einst die “Lumpenhauptstadt” im Mittelalterlichen Europa, so nannte man wohl aus Neid die sehr starke Woll und Textilindustrie, welche Prato damals sehr reich machte.
Bis weit ins 20te Jahrhundert dominierte die Stoffindustrie die gesamte Wirtschaft, fiel aber, – wie überall in Westeuropa, dem steigenden Wohlstand zum Opfer, da die Arbeit in den Massenbetrieben nicht mehr bezahlbar war, Gewerkschaften und steigende Ansprüche der Arbeiter standen einer Ökonomischen Struktur gegenüber, die mit steigendem Konsum der Massen nicht mehr aufrecht gehalten werden konnte. Die Stadt droht ihren Boden zu verlieren, was sich sogar bis ins weite China herumgesprochen hatte…. mit entsprechenden Folgen…

Italien  -Region Toskana-  (11.10.2014)

Diesmal finde ich mit Eric einen Gastgeber für Prato. In einem alten Reihenhaus lebt er mit allen Generationen unter einem Dach, allerdings nicht in diesen Tagen, da alle momentan auf Reisen sind. Grund genug mich einzuladen, dachte er sich und so sind wir nun zusammen, inklusive persönlicher Stadtführung.

Italien  -Region Toskana-  (10.10.2014)

Nachdem die Ochsentour von San Marino nach Rimini, dann nach Forli (Falschinformation eines angeblichen Fernbusses der von dort aus führe…) über Faenza, anschließend nach Florenz und endlich zuletzt dann bis Prato führte, war der ganze (!) Tag vergangen. Stundenlange Wartezeiten an den schäbigen Provinzbahnhöfen und völliger Irrsinn wegen komplett falscher Angaben zu den Bahnsteigen, verschlimmert die ohnehin umständliche Tour dramatisch.
In Italien braucht man unglaublich, ja extrem viel Zeit wenn es mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf die Reise geht. Dafür sind die Züge und Busse allerdings bekanntlich billig.
Jaja, aber für 100 km Luftlinie von San Marino bis Prato ca neun Stunden zu benötigen, lässt mich dennoch eher an Afrika denken als als an eine hochentwickelte (…) Nation im Süden Europas…

Irgendwann komme ich müde in Prato an, dieser Stadt ca 15 km weiter nördlich von Florenz gelegen, die deshalb auf meiner Reiseroute liegt, weil sie wegen ihrer vielen Chinesen so interessant ist.

Dazu aber später mehr, zuerst treffe ich Marco, der mich hier zwei Tage aufnimmt, und mir ein Zimmer im Dachgeschoss eines Familienhauses inmitten der Stadt gibt.
Vollpension inklusive, stopft er mich mit reichlich Pasta Genovese voll. Essen konnte ich heute kaum, da an den scheußlichen Bahnhöfen, oft außerhalb der Stadtzentren gelegen, nur diese Mafiösen Monopol-Imbisse ihre fürchterlich überteuerten, schlechten billig-Snaks verkaufen….  4,50€ z.B. für ein winziges, laffes Sandwich….  und Gott erbame mich, eine trockene Pizzakante für 1,70€… verschlinge ich wie ein wildes Tier innrhalb weniger Sekunden… wohl bekommts..

Am nächsten Tag, sind all diese Querelen vergessen, ich entspanne im Stadtzentrum und finde das Wahrzeichen der Stadt. Kein Chinesen-Tempel, sondern dke Kathedrale mit ihrer Italienweit einzigartigen Außenkanzel.
Dort sollte mal einst das Heiligtum, der Gürtel von Mama Maria verkündet und vorgezeigt werden. Lang ist’s her, aber interessant; Maria, die Mutter Jesu zog ja einst komplett in den Himmel, ohne je was materielles von sich zu hinterlassen, lediglich dieser Gürtel aus Pferdehaar von ihr selbst geflochten, fand über historisch/mytologisch verstrikten Wegen nach Prato.
Auch im Innern erzählen sehr aufwändige Deckenmalereien die jüngst restauriert, ganz besonders prächtig strahlen, auch wenns drinnen so düster ist, dass ich im Kontrast zu den hellen Fenstern kein brauchbares Foto hinkriege, bin ich begeistert.

(Bild: Kathedrale von Prato mit ihrer einzigartigen Außenkanzel)